AIDS HILFE SCHWEIZ

Wow!

«HIV/AIDS – Menschlichkeit ist nicht teilbar»

Veranstaltung - Podiumsgespräch - Konzert - Ausstellung
14.11.2012, ab 16.45 Uhr, Zürich


Nebst Bundesrat Alain Berset werden engagierte Rednerinnen und Redner das Thema «Stigma und Diskriminierung in der Schweiz und in Afrika» aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.Auch wenn in den letzten 30 Jahren weltweit enorme Fortschritte in der Behandlung, der Prävention, der psychologischen Unterstützung sowie in der Begleitung von HIV/AIDS betroffenen Personen erzielt wurden, stellt HIV/AIDS nach wie vor eine grosse Herausforderung für die Menschheit dar. Wichtig ist das bisher Erreichte zu festigen und weiter zu entwickeln. Das Thema muss aktuell bleiben. Dafür engagieren sich die DEZA, das Bundesamt für Gesundheit, die Aids-Hilfe Schweiz und ihre Partner.

Nach dem Anlass folgt ein Konzert ab 21.00 Uhr mit Toumani Diabaté, «UNAIDS International Goodwill Ambassador» und Musiker.


Ort: ARENA Cinemas, Sihlcity Zürich


Programm des Anlasses

Informationen zum Konzert


 

AIDS 2012: «WE CAN END AIDS»

Die XIX. Internationalen Aids Konferenz (IAK) fand 2012 in Washington DC statt, weil die US das Einreiseverbot für Menschen mit HIV aufgehoben haben. Trotzdem reklamierten Aktivisten, dass die US-Behörden Sexworkern (Frauen und Männern) und Drogenbenutzenden das Einreisevisa und damit deren Konferenzteilnahme verweigerten. Dieser Ausschluss diente als Ausgangspunkt, um einmal mehr laut zu fordern, «dass wir mitreden wollen, wenn es um uns geht»! So forderte das Gastland mit Gesetzen gegen Prostitution und Drogenkonsum und seinem unzulänglichen Gesundheitssystem HIV-Aktivismus und Demonstrationen geradezu heraus.

Das Konferenzmotto «Gemeinsam das Blatt wenden» thematisiert die historische Wende, die dank wissenschaftlicher Fortschritte und erfolgreicher Behandlung mit antiretroviraler Therapie (ART) möglich scheint. Sie lässt für viele eine neue Hoffnung entstehen, Aids könnte beendet werden.

Fünf Forderungen
Am 24. Juli marschierten wir international zusammengewürfelt vors Weisse Haus in fünf Gruppen, jede mit einer der folgenden Forderungen, um Aids zu beenden:

  1. Wall Street besteuern: «Robin Hood tax»
  2. End Aids in US: nationalen HIV/Aids Plan umsetzen, Spritzentauschverbot aufheben
  3. Zugang für Frauen und LGBT (lesbian, gay, bisexual, transgender) zu HIV-Dienstleistungen
  4. Rechenschaftspflicht für Regierungen und Pharmas
  5. Kriminalisierung von intravenös Drogenkonsumierenden, Sexworkern, Homosexuellen und Menschen mit HIV stoppen (1)

Viele Parolen auf Postern und Spruchbändern wie z.B. «Kriminalisiert Hass – nicht HIV» «Staatliche Homophobie tötet» «Stoppt die Hexenjagd auf Sexworker» «Besteuert Wall Street» «Beendet den Drogenkrieg» «Patienten sind wichtiger als Patente» weisen auf die Bedeutung der Menschenrechte hin.

Weiteres Video zum March, Kampagnenwebsite mit Aufruf zur Demos und Fotos

Gesetze beeinflussen die HIV-Verbreitung
Edwin Bernard bringt es auf den Punkt: «wir können Aids NICHT beenden, solange HIV kriminalisiert wird!» Mehr als 60 Länder haben HIV-spezifische Gesetze, die z.B. die Übertragung von HIV, das Expositionsrisiko oder das Sich-Nicht-als-HIV-positiv-Outen kriminalisieren, weltweit gab es bisher mehr als 600 Verurteilungen. Schockiert hören wir von einem geistig behinderten, HIV-positiven Mann, der in Texas für das Spuken gegen eine Person zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Seine Spuke galt als «Waffe». Gesetze können für vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie Frauen, MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) und LGBT, Sexworkern, intravenös Drogenkonsumierende, Gefangene, Migrantinnen und Migranten den Zugang zu Präventionsangeboten ermöglichen, erschweren oder versperren.

Kriminalisierung von Sexwork
In mehr als 100 Ländern ist Sexwork kriminalisiert und erschwert für Sexworker den Zugang zu Präventionsangeboten, was ihr HIV-Expositionsrisiko vergrössert. Die Südafrikanerin Kholi Buthelezi zählt Erschreckendes auf: Polizisten vergewaltigen Sexworker, zwingen sie zu HIV-Tests, dringen in ihre Privatbereiche ein, zerstören ihre Medikamente, outen und diskriminieren sie öffentlich, oder zwingen sie, Kondome zu essen, oder gar von einer Brücke zu springen. Die Polizei beschuldigt auch Mitarbeitende von NGOs, Prostitution zu fördern. Kondome von Sexworkern soll die Polizei in Kenia, Namibia, Südafrika konfiszieren, in den USA reicht das Mitführen von Kondomen als Verdachtsmoment für Prostitution.

Intravenös Drogen konsumieren kriminalisiert
Strafgesetze gegen Drogenkonsum versperren Menschen, die Drogen intravenös konsumieren, nicht nur den Zugang zu Präventionsangeboten, sondern oft auch den Zugang zu ART und medizinischer Betreuung. Damit treiben sie Drogenkonsumierende in den Untergrund und die Verbreitung von HIV unter diesen in verhängnisvoller Weise voran, was zurzeit in Russland, Ukraine, Thailand, und China geschieht.

Frauenrechte sind Menschenrechte
Frauen sind durch das geschlechterbedingte Rollenverständnis oft nicht in der Lage, sich ausreichend vor HIV zu schützen, darum ist für die Frauen ist klar: «Frauenrechte wenden das Blatt». Dazu kommen Bildungsmanko und wirtschaftliche Entmachtung, welche zu einer Kombination von sozialen, kulturellen und politischen Faktoren führt, die Frauen und Mädchen für HIV vulnerabler machen, die der Artikel über die Feminisierung von Aids ausführlicher darstellt. Die Frauen fordern, diese Faktoren zu anzugehen. Zwangssterilisationen von HIV-positiven Frauen und entsprechende Anschuldigungen sind aus Kenia, Swaziland, Südafrika und Namibia bekannt. Hillary Clinton bringt die Frauenanliegen auf den Punkt: «Jede Frau sollte entscheiden können, wann und ob sie Kinder hat.» Eine HIV-positive Mutter erlebt auch den Ausdruck «mother-to-child-transmission» als diskriminierend für sie als Mutter und spricht von «vertikaler» Übertragung.

Gesetze anpassen
Die «Global Commission on HIV and the Law» zeigt auf, wie allein das Anpassen von Gesetzen die Zahl der neuen HIV-Infektionen von mehr als 2 Mio. pro Jahr weltweit auf fast auf die Hälfte senken könnte. Kriminalisierung stoppen kann je nach Land anders aussehen: In Russland durch Legalisierung von Harm Reduction (z.B. Spritzentausch) und das Anpassen von Drogengesetzen, in Südafrika durch Verbesserung des Schutzes von Frauen gegen sexuelle Gewalt, in den USA durch Anpassen von Gesetzen, die die HIV-Übertragung kriminalisieren, in Uganda durch Aufhebung des Gesetzes gegen Homosexualität, usw.

«Um Aids zu beenden, verlangen wir den politischen Willen, wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle zu sichern und die Menschenrechte unserer marginalisierten Gruppen zu verteidigen und zu schützen, auch die der Menschen mit HIV!»

Text: Romy Mathys

 Bild:  ©aidsfocus

 

Umfrage für Menschen mit HIV – die Resultate

Ende Februar haben wir einen Umfrage zu Informations-und Beratungsbedürfnissen HIV-positiver Menschen lanciert. Vielen Dank an alle, die mitgemacht haben! Mittlerweile liegen die Resultate vor: Besonders wichtig sind die Vermittlung medizinischen Wissens, die rechtliche Beratung und die Unterstützung bei psychischen Belastungen. Die Aids-Hilfe Schweiz wird diese Erkenntinisse nutzen bei der Ausgestaltung weiterer Angebote.

Das Teilnhmerprofil: 144 Personen nahmen an der Umfrage teil. Der grösste Teil der Antwortenden waren Schweizer und Westeuropäer. Teilnehmer aus dem subsaharischen Afrika waren – im Verhältnis zu ihrem Anteil an der HIV-positiven Bevölkerung -  stark untervertreten. Zudem beantworteten mehr Deutschschweizer die Umfrage als Westschweizer und Tessiner. Überdurchschnittlich viele Teilnehmer nahmen zum Zeitpunkt der Befragung bereits die Therapie ein. Was das Geschlecht und den Ansteckungsweg betrifft, deckten sich die Profile der Teilnehmer mehr oder weniger mit denjenigen der HIV-positiven Bevölkerung.

Das medizinische Informationsbedürfnis: Als sehr wichtig erachteten die Teilnehmer Informationen über den Verlauf der Infektion, über die Behandlungsmöglichkeiten von HIV, die Nebenwirkungen der Therapie sowie über neue Studien zu HIV. Diese Informationen bezogen sie mehrheitlich von ihrem Arzt, bzw. von Spital- oder Pflegepersonal, an zweiter Stelle über die Website www.aids.ch.

Als Themen, zu denen nach Meinung der Befragten Informationen fehlen würden, wurden häufig die Themen „älter werden mit HIV“, „Nebenwirkungen und Umgang mit Nebenwirkungen“, „Umgang mit psychischer Belastung“ und „Komplementärmedizin bei HIV“ genannt.

Das juristische Informationsbedürfnis: Als sehr wichtig eingestuft wurden Informationen zu privaten Versicherungen und zur beruflichen Vorsorge sowie zu Krankenversicherungen. Auch hier werden die Informationen meist über www.aids.ch oder über das ärztliche Setting bezogen. Viele Befragte wünschten noch mehr Informationen zu Privatversicherungen/beruflicher Vorsorge sowie zu den Themen Existenzsicherung (zum Beispiel IV), Krankenversicherung und Informationspflicht („Wem muss ich von meiner Infektion erzählen?“).

Das Bedürnis nach individueller Beratung und Unterstützung: Sehr deutlich wurde die Wichtigkeit einer umfassenden medizinischen Beratung hervorgehoben. Gefolgt vom Bedürfnis nach individueller Rechtsberatung und Beratung zum Umgang mit der Krankheit. Die Teilnehmer wünschten sich mehr psychologische Beratung, mehr Beratung für individuelle Rechtsfragen sowie mehr Informationsaustausch mit anderen Betroffenen.

Detaillierte Ergebnisse finden Sie auf der Homepage der Aids-Hilfe Schweiz: www.aids.ch/d/hivpositiv/index.php

Claire Comte, Leiterin Programm Menschen mit HIV, Aids-Hilfe Schweiz

 

29.02.2012

Umfrage für Menschen mit HIV – jetzt mitmachen!



Zur Umfrage

 

17.02.2012

Eviplera – bald auch in der Schweiz zugelassen

Die Europäische Kommission hat letzten November für das Präparat Eviplera die europäische Marktzulassung verfügt, und Eviplera wird ab 2012 in allen 27 europäischen Ländern für die Behandlung der HIV-Infektion zur Verfügung stehen.

Eviplera ist ein Kombinationspräparat, das in Tablettenform die drei Wirkstoffe Emtricitabin, Tenofovirdisproxil (beide aus der Gruppe der NRTIs) und Rilpivirin (aus der Gruppe der NNRTIs) enthält, und nur einmal täglich mit einer Mahlzeit eingenommen wird. Es wird nur bei Patienten und Patientinnen eingesetzt, bei denen noch keine Behandlung gegen HIV durchgeführt wurde, und deren HI-Viruslast maximal 100'000 HIV-1 RNA-Kopien/ml beträgt.

Mit der Einführung von Eviplera steht nach Atripla (Markteinführung im 2007) ein weiteres Produkt auf dem Markt, das für Menschen mit HIV das Einnahmeregime der HIV-Therapie mit einer Tablette einmal täglich stark vereinfacht. Es kann nämlich unter Umständen vorkommen, dass spezielle Einnahmeregimes für manche HIV-positiven Menschen zur Belastung werden und deshalb nicht regelmässig eingenommen werden. Konsequenz ist dann, dass die Therapietreue nicht gewährleistet ist, und die Gesundheit dieser Patientinnen nicht optimal unterstützt und verbessert werden kann.

Deshalb gewinnt die Verfügbarkeit von vereinfachten Therapieregimes immer mehr an Bedeutung. Dank der Fortschritte in der HIV-Medizin leben Menschen mit HIV heute länger und besser, trotzdem muss eine HIV-Behandlung ein Leben lang eingenommen werden. Die einmal tägliche Einnahme einer einzigen HIV-Tablette kann für einige Patienten und Patientinnen, falls es die Indikation erlaubt, die erwünschte Vereinfachung bringen, mit der ihre Therapietreue verbessert und die Therapie selber besser in ihren Alltag integriert werden kann.

Die Marktzulassung von Eviplera in der Schweiz wird noch dieses Jahr erwartet.

Harry Witzthum

Foto: Don Espresso / Quelle: www.photocase.com

 

14.11.2011

Gute Nachricht für schwule Männer: Keine Viren im Blut = keine Viren im Rektum

Eine wesentliche Kritik am EKAF Statement zur Nichtinfektiosität von erfolgreich therapierten HIV-positiven Menschen war die Tatsache, dass von schwulen Männern keine Daten vorlagen. Eine neue, eben publizierte Studie belegt den Zusammenhang zwischen der Viruslast im Blut und im Rektum. Das schafft Sicherheit.

Als die Eidgenössiche Kommission für Aidsfragen EKAF im Januar 2008 das mittlerweile berühmte Statement zur Nichtinfektiosität von HIV-positiven Menschen unter erfolgreicher Therapie publizierte, bemängelten Kritiker vor allem die fehlenden Daten von schwulen Männern. Die Neuinfektionen in dieser Gruppe sind es ja, die uns vor allem Sorgen bereiten.

Die im Mai 2011 publizierten sehr positiven Daten der HPTN 052 Studie bezogen sich wiederum auf das Ansteckungsrisiko in heterosexuellen Partnerschaften. In Europa läuft im Moment die PARTNER-Studie, von welcher wir uns bessere Daten in schwulen Paarbeziehungen erhoffen.
Eine im September im Journal for Infectious Diseases publizierte Studie verglich die Viruslast im Blut mit der Viruslast im Analtrakt. Die Resultate sind sehr erfreulich – sie zeigen, dass die HI-Viruslast im Blut und im Analtrakt in hohem Mass übereinstimmen. Ebenfalls zeigt die Studie, dass eventuell vorhandene sexuell übertragbare Krankheiten die rektale Viruslast nicht beeinflussen.

Konkret zeigen die Ergebnisse, dass eine Viruslast im Rektum nur dann nachweisbar ist, wenn die Viruslast im Blut über 1'000 Kopien/ml beträgt. Als Therapieziel und nicht nachweisbar gilt eine Viruslast von unter 50 Kopien/ml. Weil die meisten Ansteckungen unter schwulen Männern durch ungeschützten Analverkehr erfolgen, sind die rektalen Sekretionen eine wichtige potentielle Übertragungsquelle.

Dieses sehr erfreuliche Ergebnis unterstützt die Thesen der EKAF. Es ist auch ein deutlicher Hinweis auf den möglichen Präventionseffekt einer möglichst frühzeitig eingeleiteten Therapie.

Text: David Haerry / Foto: skatelix / Quelle: www.photocase.com

Kelley CF et al. HIV-1 RNA rectal shedding is reduced in men with low plasma HIV-1 RNA viral loads and is not enhanced by sexually transmitted infections in the rectum. J Infect Dis 204: 761-67, 2011

 

29.8.2011

EKAF-Statement eindrücklich bestätigt – Therapie wirkt auch als Vorsorge

Für Schlagzeilen an der diesjährigen IAS Konferenz in Rom sorgten aufsehenerregende Daten aus der Prävention. Die Wirksamkeit der Therapie als Präventionsinstrument wurde eindrücklich bewiesen. Erfolge mit Mikrobiziden, PrEP, „test and treat“-Strategien sowie Fortschritte mit Impfstoffen sind sehr ermutigend. Es zeichnet sich ab, dass die Epidemie in einigen Bevölkerungsgruppen verlangsamt, in anderen sogar gestoppt werden kann. Es stellt sich die Frage, wie das in der Praxis umgesetzt werden kann.

Am 18. Juli 2011 wurden im vollen Plenarsaal die Resultate der HPTN-052 Studie vorgestellt und gefeiert. Diese grosse Studie erbrachte einen eindrücklichen Nachweis für die Wirksamkeit der Therapie in der Prävention.

HPTN-052 kontrollierte ab 2005 insgesamt 1763 sero-diskordante heterosexuelle Paare in Malawi, Zimbabwe, Botswana, Kenya, Südafrika, Brasilien, Thailand, den USA und Indien. Die Einschlusskriterien: Der infizierte Partner (Partner können männlich oder weiblich sein) hat aufgrund hoher CD4-Werte noch keine Therapie-Indikation; der feste Partner, die Partnerin ist HIV-negativ. Die Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: entweder sofortige antiretrovirale Therapie bei CD4-Werten zwischen 350 und 550/ml, oder abwarten, bis diese gemäss nationalen Richtlinien indiziert war (unter 250 CD4/ml). Der primäre Endpunkt der Studie war die Infektion des festen Partners mit dem Virus des infizierten Partners.

Lange Studiendauer, eindeutige Resultate

Bei einer Beobachtungszeit von durchschnittlich 2 Jahren wurden in der Studie 39 Partner infiziert. Bei 28 Infizierten konnte der Nachweis durch den festen Partner eindeutig bewiesen werden, bei 11 Infizierten wurde eine Infektion innerhalb der Partnerschaft ausgeschlossen. 27 von insgesamt 28 Infektionen innerhalb der Partnerschaft erfolgten in der Gruppe, der noch nicht therapierten Patienten. Interessant ist die eine Infektion in jener Gruppe, deren Partner bei Studienbeginn nicht infiziert waren. Die Neuinfektion wurde aber bereits bei der ersten Nachkontrolle nach 90 Tagen festgestellt. Die Analyse der Tests sprechen für eine nicht ganz frische Infektion. Die Autoren haben aufgrund der Veränderung der HIV-Viren den wahrscheinlichsten Infektionszeitpunkt mit -85 Tagen genau bei Beginn der HIV-Therapie berechnet. Das heisst: während der etablierten Therapie wurde niemand angesteckt. Damit reduziert die HIV-Therapie alleine das Übertragungsrisiko innerhalb der Partnerschaft um 96%. Angekündigt wurden diese Daten bereits Ende Mai, als die Studie aufgrund der eindeutigen Daten vorzeitig abgebrochen wurde. Das ist eine eindrückliche Bestätigung der Annahmen, welche dem 2008 publizierten EKAF-Statement zugrunde liegen.

Zaghafte Zuversicht für die südlichen Länder

Die HPTN-052 Zahlen werden die Diskussionen um Therapieprogramme und -beginn vor allem in den stark betroffenen Ländern des Südens fundamental verändern. Einige Stimmen warnten vor übertriebenem Optimismus: „Wissenschaftler und Aktivisten brauchen noch viel Überzeugungskraft, um Behörden und Geberländer von der Wichtigkeit der Daten und der dringlichen Anpassung von Behandlungsprogrammen in den von HIV am schwersten betroffenen Ländern zu überzeugen“, meinte Dr. Eli Katabira, Präsident der International AIDS Society. „Unterschätzen Sie nicht die Kraft eines wissenschaftlich begründeten Arguments, statt mit den Armen zu fuchteln“, entgegnete Anthony Fauci vom US-amerikanischen National Institute of Health.

Eine weitere Sitzung befasste sich mit den nächsten Schritten, der Herausforderung sogenannte „Behandlung als Präventionsprogramme“ umzusetzen. Die Hauptschwierigkeit dürfte darin bestehen, alle mit HIV infizierten Menschen aufzuspüren. In den meisten Ländern weiss eine Mehrheit der Betroffenen nichts von ihrer Infektion. Es sind also möglichst gezielte Testprogramme nötig, mit sofortigem Behandlungsbeginn und unter Sicherstellung der langfristigen Adhärenz.

Viele Kongressteilnehmer waren der Ansicht, dass ein Behandlungsaufschub für Menschen mit HIV, die in einer sero-diskordanten Partnerschaft leben, ethisch nicht zu verantworten ist. Doch auch in dieser Frage herrschte kein Konsens – in einigen Gegenden der Welt lebt die Mehrzahl der Menschen mit HIV, mit oder ohne Diagnose, nicht in einer solchen Partnerschaft. Soll man diesen die Therapie verweigern und die anderen bevorzugen?

Auch die Menschenrechte bieten Diskussionsstoff. Die Patienten müssen am Therapieentscheid mitwirken können, und niemand darf aus gesundheitspolitischen Gründen zu einer Therapie gezwungen werden. Gefordert ist jetzt insbesondere die WHO, welche Richtlinien zur Rolle der Therapie in der Prävention erarbeiten muss.

Was bedeuten die Daten für Europa, für die Schweiz?

Einige Länder werden sicher Therapierichtlinien anpassen müssen. Dies sollte mit Umsicht geschehen, sind doch noch nicht alle Nutzen der frühzeitigen Therapie für die Menschen mit HIV geklärt. Die auch in der Schweiz laufende START-Studie wird weiter klären. In der Schweiz ist die frühzeitige Therapie ab Diagnose heute schon möglich, und diese Möglichkeit wird bereits genutzt – auf Empfehlung des Arztes, der Ärztin, oder auf Wunsch der Patienten, welche ihren Partner schützen möchten. Es dürfte sich hier in der Schweiz also wenig verändern. Allenfalls wird ein bereits bestehender Trend verstärkt.

Überdenken muss die Schweiz erstens die Präventionsstrategie und zweitens die Testempfehlungen für schwule Männer mit Risikoverhalten. Die geltende Präventionsstrategie basiert auf der Prämisse „Jeder schützt sich selber“. Das stimmt so nicht mehr; wir können eindeutig etwas tun und Hilfestellungen anbieten, die auch der Gesamtgesellschaft nützen. Die Testempfehlungen müssen dringend dem spezifischen Risikoverhalten der schwulen Männer und MSM angepasst werden. Wer viel Verkehr hat, muss öfter an die Boxen: Einmal pro Jahr genügt nicht für alle.

Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)

PrEP heisst: der nicht mit HIV infizierte Partner nimmt zur Verhütung vor HIV antiretrovirale Medikamente ein. Auch hier gab es in Rom neue, positive Daten aus zwei Studien mit heterosexuellen Paaren. Die Daten wurden bereits vor der Konferenz angekündigt, die Studien wurden aufgrund der positiven Daten vorzeitig abgebrochen. Die Partner-Studie verglich Tenofovir und Tenofovir/FTC (Truvada) versus Placebo bei sero-diskordanten Paaren in Kenya und Uganda; die TDF2-Studie verglich Truvada gegen Placebo bei heterosexuellen Paaren in Botswana. Die Partners-Studie zeigte für Tenofovir eine Schutzwirkung von 62%, für Truvada etwas besser, 73%. In TDF2 war die Schutzwirkung von Truvada 63% insgesamt, jedoch 78% bei den Paaren, welche vor weniger als einem Monat Medikamente bezogen hatten. Dieser Umständ macht erneut die Therapietreue-Problematik beim Einsatz von PrEP deutlich.

Was bedeuten die Daten aus Rom für die Prävention?

Vor allem eines: es wird komplex. Wir wissen jetzt, dass sowohl ein früher Therapiebeginn, der Einsatz von PrEP als auch vaginale Mikrobizide einen Einfluss auf die HIV-Übertragungsraten haben. Doch mit dem Nachweis der Wirksamkeit einer bestimmten Intervention alleine ist es nicht getan.

Wir müssen verstehen, weshalb bestimmte Interventionen in gewissen Risikogruppen funktionieren und in anderen nicht (gewisse Resultate sind widersprüchlich oder nicht eindeutig). Wir müssen die spezifischen Eigenschaften sexueller Netzwerke, sexuellen Verhaltens und die lokale Epidemiologie verstehen – diese beeinflussen die Wirksamkeit der Interventionen. Und wir müssen insbesondere die Wirksamkeit einer isolierten Intervention mit dem kombinierten Einsatz eines Präventionspaketes vergleichen.

Die „beste“ oder „wirksamste“ Einzelintervention wird es wohl nicht geben – wohl aber das auf die spezifische, lokale Risikogruppe abgestimmte Interventionspaket. Wir brauchen also zusätzliche, lokale Studien welche sich mit diesen Komponenten (Einzelteile) und deren Implementierung befassen. Schliesslich und endlich wollen wir auch ganz einfach wissen „Was bringt’s und was kostet’s?“.

100 bis 150 verhinderte Infektionen bei MSM in der Schweiz bedeuten eine Kostenersparnis von mehr als zwei bis drei Mio. Franken, und diese Zahl kumuliert sich jedes Jahr. Angesichts der Schweizer Fallzahlen und der Daten aus Rom sollte dieses Ziel realistisch sein. Das Erreichen der Zielvorgabe bedingt die Entwicklung der richtigen Studien, verbesserte Surveillance, eine Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Behörden, Ärzteschaft, Forschern, AIDS-Hilfen und Betroffenen und das Erstellen möglichst realistischer epidemiologischer Modelle.

Gefordert sind jetzt viel Nachdenken, gute Planung und eine optimale Abstimmung der Akteure, nicht aber Schnellschüsse. Es gilt auch, die am tiefsten hängenden Früchte zuerst zu pflücken – und das wäre in der Schweiz jene gut 35% der HIV-Patienten ausfindig zu machen, welche heute als nicht diagnostizierte Late-Presenter in die Klinik kommen sowie Menschen mit einer HIV-Primoinfektion zu erkennen, zu beraten und zu therapieren.

Text: David H.-U. Haerry  Foto: Tommy Windecker / Quelle: photocase.com

Der Autor dankt Prof. Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen für die Durchsicht des Manuskripts.



 

28.4.2011

Die Heilung von HIV – Illusion oder bald Realität?

Seit das HI-Virus als AIDS-Erreger identifiziert ist, befasst sich die Wissenschaft mit dem Thema „Heilung"von HIV. Bis vor kurzem noch ein Thema für Verwegene, sorgte es an der heurigen Retrovirenkonferenz für die eigentliche Sensation. Ein konkreter Fall einer Heilung von HIV ist mittlerweile etabliert, weitere könnten folgen.

Besagter Berliner Patient war seit 1995 mit HIV infiziert. Im Jahr 2006 erhielt er eine noch schlimmere Diagnose: eine akute Leukämie wurde festgestellt. Der behandelnde Arzt hatte eine sehr gute Idee: eine Knochenmark- (Stammzellen-) transplantation von einem sehr speziellen Spender - einem Spender mit einer Delta-32 Mutation . Damit, spekulierte der Arzt, könnte vielleicht sowohl die Leukämie wie auch HIV geheilt werden. Das Immunsystem des Patienten wurde durch die Chemotherapie zur Behandlung der Leukämie zerstört und anschliessend über die Knochenmarktransplantation wieder hergestellt.

Eine solche Strategie lässt sich nicht einfach bei anderen Patienten einsetzen. Abgesehen von den Kosten ist der Eingriff auch sehr belastend - der Berliner Patient konnte zeitweise weder gehen noch reden. Der Fall hat aber gezeigt, dass HIV möglicherweise mit einer Gentherapie geheilt werden kann. Wir haben ja bereits ein zugelassenes Medikament, welches den CCR5-Rezeptor blockiert und damit die Virusvermehrung unterdrückt.

Man stellte sich nun die Frage, ob wir bei Menschen mit HIV, welche ja die CCR5-Mutation nicht haben, gentechnisch eine solche herbeiführen könnten. Offenbar ist das möglich, wie eine sogenannte „proof of concept" - Studie zeigt.

Sechs HIV-positive Männer unter Therapie, ca. 50-jährig, wurden in die Studie aufgenommen. Alle Teilnehmer waren seit 20-30 Jahren HIV-positiv, hatten eine nicht nachweisbare Viruslast und CD4-Zellen zwischen 200 und 500/ml.

Das Vorgehen ist aus der Gentherapie bereits bekannt: den Patienten wurde Blut entnommen, aus diesem wurden T-Helferzellen herausgefiltert, diese T-Zellen wurden im Labor aktiviert und mit sogenannten Zinkfinger-Nukleasen behandelt. Zinkfinger-Nukleasen sind Restriktionsenzyme, welche spezifische DNA-Sequenzen entfernen können. Hier wurden sie benutzt, um den CCR5-Rezeptor zu brechen. Etwas 25% der entnommenen T-Zellen wurde so behandelt. Anschliessend wurden diese Zellen eingefroren, an die Studienklinik zurückgeschickt und den Patienten per Infusion zurückgegeben. Eine Gruppe erhielt 10 Mio Zellen, eine zweite 20 Mio, eine dritte Gruppe mit 30 Mio Zellen ist erst in Behandlung.

Das Ergebnis dieser „Kur" ist beeindruckend. Es gab kaum Verträglichkeitsprobleme. Einige Patienten hatten grippeähnliche Symptome, diese gingen aber rasch vorbei. Bei allen Teilnehmern wurden die veränderten CD4-Zellen vom Körper aufgenommen und vermehrten sich dort, ganz wie normale CD4-Zellen. Bei 5 von 6 Patienten stieg die Zahl der CD4-Zellen nachhaltig um durchschnittlich 200 Zellen an. Ebenfalls hat sich bei diesen Patienten das Verhältnis der CD4 zu den CD8-Zellen normalisiert - dieses wird normalerweise durch die HIV-Infektion gestört.

Nach 90 Tagen waren bis 7% der CD4-Zellen im periphären Blut und in der Darmschleimhaut CCR5-veränderte Zellen. Die Forscher gehen davon aus, dass dieser Anteil "HIV-resistenter" CD4-Zellen bei den betroffenen Patienten noch zunehmen wird. Wie stark dies langfristig der Fall sein wird, ist aber noch unklar.

Diese Resultate bestätigen grundsätzlich, was wir beim Berliner Patienten gesehen haben. Noch ist damit das Ziel einer heilenden HIV-Therapie noch nicht erreicht.

Es gilt jetzt als nächstes herauszufinden, ob dieses Vorgehen auch bei Patienten mit nicht unterdrückter Viruslast funktioniert, diese reduziert und sich damit ein klinischer Nutzen erzielen lässt. Dieser Versuch wird sowohl mit unbehandelten Patienten wie auch mit „salvage" Patienten (Menschen mit multiresistenten Viren) durchgeführt.

Man hofft also, durch dieses Vorgehen ein Reservoir von HIV-resistenten CD4-Zellen aufbauen zu können, derweil die nicht resistenten Zellen durch das HI-Virus ausradiert würden.

Was ist mit dem zweiten Rezeptor, CXCR4?
HIV kann einen zweiten Rezeptor benutzen, um in die CD4-Zellen einzudringen. Dieser nennt sich CXCR4. Übertragene Viren sind fast immer CCR5-tropisch; bei fortschreitender Schwächung des Immunsystems beobachtet man CXCR4 häufiger.

Die Zinkfinger-Nuklease-Technologie wurde auch hier angewandt. Im Tiermodell funktioniert auch das - Resultate mit Patienten müssen wir aber abwarten. In der Praxis könnte sich die Blockierung des CXCR4-Rezeptors als schwieriger erweisen. Das Immunsystem der betroffenen Patienten ist weniger fit als bei CCR5-tropischen Menschen.

Wäre dann die Heilung Realität?
Vielleicht. Der Berliner-Patient wurde 3 Jahre nach seiner Behandlung offiziell als von HIV „geheilt" erklärt. Ebenso möglich ist aber, dass die Gentherapie ab und zu eingesetzt die heutige antiretrovirale Behandlung ablösen könnte. Falls aber die Gentherapie wirklich die Ausmerzung (Eradikation) von HIV ermöglicht, dann wäre dies der bisher grösste Erfolg der Gentherapie in der Medizin. Viele ExpertInnen sind heute überzeugt, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Wann dies der Fall sein wird, und ob dannzumal alle Menschen mit HIV gleichermassen profitieren können, ist gegenwärtig nicht abzuschätzen. Ein Zeithorizont von 10 Jahren für erste "serienmässige" Heilungen könnte aber realistisch sein.

Text: David Haerry Foto: Andreas Siegel / Quelle: photocase.com

Zum Thema Heilung von HIV haben wir auch in der Swiss Aids News schon ausführlich berichtet: Siehe "Die Heilung von HIV – Illusion oder bald Realität?", Swiss Aids News 2, Juni 2009, S. 4-7.

 

 

28.4.2011

iPrex und PrEP machen weiter Schlagzeilen

Ein prominentes Thema an der Retrovirenkonferenz in Boston 2011 waren zusätzliche Daten zur Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP).. Neue Daten gab es insbesondere zu Therapietreue, Nebenwirkungen und zum Resistenzbildungsrisiko. Diskutiert wurde auch die Frage einer Zulassung von HIV-Medikamenten für Präventionszwecke durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde (FDA).

Therapietreue
Die neuen Daten zur Adhärenz zeigen, dass schwule Männer mit dem höchsten Infektionsrisiko (häufiger ungeschützter Analverkehr) auch die beste Einnahmetreue hatten. Das ist einerseits erfreulich, andererseits vielleicht ein Hinweis, wo PrEP als Intervention erfolgreich sein könnte: bei den sehr gut informierten Leuten in San Francisco und Boston mit dem höchsten Risiko.

An der CROI wurden Medikamentenspiegeldaten publiziert. Von 179 untersuchten Leuten hatten nur 50% Tenofovir und 62% FTC (Emtricitabine) in den Blutzellen. Diese Daten stehen im Widerspruch zur Selbsteinschätzung der Patienten zur eigenen Therapietreue - offenbar haben die meisten Mühe zuzugeben, dass sie die Medikamente nicht korrekt einnehmen. Die ingesamt teilweise schlechte Adhärenz muss uns zu denken geben. Im Kontext einer klinischen Studie werden die Teilnehmer optimal betreut und beraten - ein Aufwand, der im Alltag nicht möglich sein wird

Nebenwirkungen
Eine weitere Studie befasste sich mit der Knochenmarkdichte. Truvada (Kombipille aus Tenofovir und FTC) kann diese unter Dauertherapie negativ beeinflussen. Es zeigte sich nun, dass die iPrex Studienteilnehmer schon beim Eintritt in die Studie häufig eine erniedrigte Knochenmarkdichte hatten (möglicherweise eine Folge von Poppers und Amphetaminen). Während der Studie sank die Knochenmarkdichte weiter ab, Osteoporose wurde aber nicht festgestellt. Aber die Beobachtungszeit (1 ½ - 2 Jahre) war kurz, und die Adhärenz nicht immer gut. Gut möglich, dass bei längerer Anwendung die Häufigkeit von Knochenbrüchen zunehmen würde.

Resistenzen
Zur Bildung von Resistenzen: es zeigte sich, erfreulicherweise, dass die Probanden welche sich mit HIV infizierten, keine Resistenzen aufwiesen - Truvada als Therapie also nach wie vor einsetzbar ist.

Zulassung von HIV-Medikamenten für die Prävention?
Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA wird sich in den kommenden Monaten mit der Zulassung von Truvada für die PrEP befassen. Das FDA wird also entscheiden müssen, bei welcher Bevölkerungsgruppe die Risiko-Nutzenbilanz positiv ist. Das FDA wird sich aber nicht mit der Preisfrage oder der Finanzierung von PrEP beschäftigen. In der Schweiz würde bei heutigem Preisniveau eine Dauertherapie mit Truvada 1'000 Franken pro Monat kosten - für die HIV-Prävention. Es ist davon auszugehen, dass dafür keine Krankenkasse aufkommen wird.

Mir war die PrEP Euphorie an der CROI etwas zu gross. Man muss sich sehr gut überlegen, wie diese Präventionsstrategie in der Praxis implementiert werden soll, und wie die Leute, die das Medikament zu Präventionszwecken nehmen, beraten und betreut werden müssen. Es ist ja gut zu wissen, dass eine solche Intervention funktionieren kann. Ich hätte aber lieber ein Medikament, das man nicht dauernd einnehmen muss, sondern bloss davor oder danach, sowie eines, welches in der Therapie von HIV-positiven Patienten eine weniger wichtige Rolle spielt als Truvada. Vielleicht wären die schwulen Hochrisikomänner ja bereit, sowas aus dem Taschengeld selber zu zahlen - das Viagra zahlen sie schliesslich auch selber.

Text: David Haerry


 

28.4.2011

Die Epidemie, die macht, was sie will

HIV nimmt insgesamt in der Schweiz seit längerem ab. Aber in bestimmten Gruppen ist die Infektion immer stark verbreitet. Warum gibt es solche Unterschiede, und wie kann man dieser Art von Epidemie wirkungsvoll begegnen? Und warum spielt es nur eine begrenzte Rolle, wie gut sich Menschen durchschnittlich gegen HIV schützen?


Wenn man sich die HIV-Epidemie der letzten 20 Jahre in der Schweiz anschaut, dann bekommt auf den ersten Blick ein klares Bild: Nach dem Ausbruch von HIV in der ersten Hälfte der 1980er Jahre stieg die Zahl der HIV-Diagnosen steil an bis auf die beachtliche Zahl von über 3'000 neuen Diagnosen um 1990. Es folgten 10 Jahre, in denen die Neudiagnosen wieder stark und stetig sanken, bis zum Tiefpunkt um 2001 von weniger als 600. Es folgte ein leichter Anstieg und eine Plafonierung bei gut 700 Neudiagnosen jährlich, bis um 2008 die Gesamtzahl wieder zu sinken begann. Heute liegt sie bereits wieder beim Niveau von 2001.

Um 600 Neudiagnosen pro Jahr in der Schweiz - das ist eigentlich nicht viel. Ist HIV in der Schweiz also zu einer seltenen Infektionskrankheit geworden. Ja und Nein!

Konzentrierte Epidemien

HIV ist in der heterosexuellen Bevölkerung tatsächlich zu einer seltenen Infektion geworden. Deutlich weniger als ein halbes Promille der Heterosexuellen in der Schweiz sind von HIV betroffen. Man sagt, die "Prävalenz" von HIV betrage in dieser Gruppe <0,5 Promille. Aber in anderen Gruppen ist das nicht so.
Bei schwulen Männern beträgt die Prävalenz um 10%, je nach Region (v.a. in den städtischen Zentren) ist sie noch deutlich höher. Und auch bei Menschen aus Ländern mit hoher HIV-Prävalenz (vor allem Subsahara-Afrika) liegt die HIV-Prävalenz weit über dem Wert der Schweizer Heterosexuellen, teilweise über dem Wert bei schwulen Männern. Man nennt diese Art von Epidemie, die sich nur in bestimmten Gruppen ausbreitet, "konzentriert". Warum gibt es eigentlich konzentrierte Epidemien? Und welche wirkungsvollen und sinnvollen Massnahmen gibt es zur Verbesserung dieser Situation?

Die Epidemie macht, was sie will

HIV wird in der Schweiz fast nur noch auf sexuellem Weg übertragen. Aber die Wahrscheinlichkeit, einem Menschen mit HIV zu begegnen, ist in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen extrem ungleich verteilt! In der Schweiz leben ungefähr 5 Mio. erwachsene, also sexuell aktive Menschen. Man schätzt (weiss das aber nicht genau), dass davon etwa 3% schwule Männer sind - also um 150'000 Personen. Es gibt also etwa 35 mal mehr heterosexuelle als homosexuelle Menschen. Das ist für den Verlauf einer Epidemie enorm wichtig. Je kleiner eine Gruppe ist und je höher in ihr die Prävalenz einer sexuell übertragbaren Infektion (STI), desto höher ist das Risiko, auf einen Menschen mit dieser STI, z.B. mit HIV, zu treffen. Denn es gibt in dieser Gruppe nicht nur viel mehr HIV-positive Menschen, die Auswahl an Sexualpartnern ist auch kleiner. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit HIV und häufiger wechselnden Partnern sich in dieser Gruppe begegnen, ist dadurch viel grösser. Schwule Männer in einem städtischen Zentrum in der Schweiz müssen davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ihr neuer Partner HIV-positiv ist, etwa 200 mal grösser ist, als unter heterosexuellen Personen. Dieser Unterschied wirkt sich direkt auf den Verlauf einer Epidemie in einer bestimmten Gruppe aus. Und je weiter eine STI verbreitet ist, umso stärker wirkt diese Dynamik.
Unter solchen Umständen nützt es entsprechend weniger, wenn sich Menschen in einer stark betroffenen Gruppe durchschnittlich viel besser vor HIV schützen. Oder anders gesagt: das durchschnittliche Schutzniveau (das in der Gruppe homosexueller Männer viel höher liegt als bei Heterosexuellen gleichen Alters) hat viel weniger Auswirkungen auf den Verlauf einer Epidemie als die Tatsache, dass so viele Mitglieder einer sozialen Gruppe bereits HIV-positiv sind!
Das ist doppelt tragisch für Menschen in diesen stark von HIV betroffenen Gruppen. Nicht nur nützt es nicht so viel, dass sie sich durchschnittlich gut schützen. Sie werden von anderen gesellschaftlichen Gruppen auch noch stigmatisiert dafür, dass die Epidemie unter ihnen tut was sie will.

Was kann man machen?

Safer Sex ist sehr wichtig! Und die HIV-Therapie ist sehr wichtig! Beide Faktoren haben starke Auswirkungen auf den Verlauf der HIV-Epidemie, denn beide Faktoren verhindern, wenn sie voll wirksam sind, HIV-Übertragungen zuverlässig. Den Effekt der HIV-Therapie sieht man übrigens auch in der Schweizer Epidemie deutlich: mit dem Einsatz antiretroviraler Wirkstoffe Ende der 1980er Jahre begann der Rückgang der Epidemie.
Dennoch schützen sich nie alle Menschen perfekt und andauernd, und auch eine HIV-Therapie nehmen noch lange nicht alle. Wir leben in Freiheit und es ist nicht möglich, und soll auch nicht sein, dass man einzelne Menschen zu Safer Sex oder einer HIV-Therapie zwingen kann. Wir wissen übrigens sehr gut, dass solche Zwangsmassnahmen gerade den gegenteiligen Effekt haben. Vulnerable Menschen haben in einem repressiven System viel mehr Angst - sie verstecken sich deshalb und sind für das Präventions- und Medizinsystem nicht mehr erreichbar. Es ist also in jeder Hinsicht richtig, auf Freiwilligkeit zu setzen.
Damit Freiwilligkeit funktioniert, müssen Menschen erstens ihre Schutzoptionen möglichst gut kennen, und sie müssen sie persönlich anwenden können und wollen. Diese Kompetenzen haben AHS und BAG mit ihren Kampagnen und ihrem Beratungssystem in den letzten 20 Jahren erfolgreich gefördert und sie tun es weiterhin.
Wichtig ist ausserdem, dass Menschen ihre HIV-Risiken möglichst gut kennen. Dazu gehört die Sensibilität für die Tatsache, dass man möglicherweise in einer sozialen Gruppe lebt, die weit überdurchschnittlich von HIV betroffen ist. Dieses Bewusstsein ist nicht nur für das Schutzverhalten wichtig, es ist auch der Solidarität in einer Gruppe zuträglich. Besonders unter Menschen aus der Region Subsahara-Afrika ist die Solidarität mit Betroffenen immer noch eine Herausforderung - ebenso wie das Bewusstsein, dass sehr viele Menschen der eigenen Gruppe von HIV betroffen sind. Dieses Bild in den Köpfen zu verändern könnte Gutes bewirken. Und zwar sowohl für HIV-Negative (die dadurch ihre Risiken besser erkennen würden), als auch für HIV-Positive (die durch die grössere Sensibilität für das Thema in ihrer Gruppe mehr Solidarität erwarten könnten).

Text: RK

 

15.12.2010

Endlich mal was Positives

Es gibt viele Bücher zu HIV und AIDS, aber nur wenige, die einen direkten Einblick in das Leben mit dem Virus geben. In Endlich mal was Positives beschreibt Matthias Gerschwitz, der 1994 das Testergebnis HIV positiv erhielt, seinen Umgang mit der Infektion ohne Larmoyanz oder Betroffenheitspathos, sondern optimistisch und zuweilen auch etwas provokativ.

Das Buch soll Mut machen und informieren: Es wendet sich nicht nur an Positive, insbesondere Neu-Infizierte und ihre Freunde und Verwandte, die sich plötzlich auf eine veränderte Lebenssituation einstellen müssen, sondern auch (und besonders) an diejenigen, die bislang keine Notwendigkeit sahen, sich mit der Infektion zu befassen, weil sie immer noch glauben, sie wären von HIV nicht betroffen. Eine trügerische Einstellung, denn es kann jeden treffen, egal, ob Mann oder Frau, ob homo-, bi- oder heterosexuell. Das Virus ist nicht wählerisch.
Endlich mal was Positives ist teils Erfahrungsbericht, teils Statement. Das Buch zeigt, dass man auch mit HIV das Lachen nicht verlernen muss und mit einer unheilbaren Krankheit zukunftsorientiert leben kann. Und das ist doch endlich mal was Positives.

Online bestellen bei Amazon.de
(Bild und Text: http://www.endlich-mal-was-positives.de/buchinfo/)

 

26.08.2010

Rights here, Right now - Internationale AIDS-Konferenz 2010

Die internationale AIDS-Konferenz versammelte rund 19‘000 Delegierte, Ärzte, Pflegefachleute, Aktivisten, Pharmaindustrie, Nichtregierungsorganisationen, Regierungsvertreter und Prominenz aus 193 Ländern. David Haerry und Romy Mathys waren vor Ort - hier ihre subjektiven Eindrücke aus Wien.

Rights here, right now
So hiess das Konferenzmotto 2010 - mit Hinblick auf die verheerende Menschenrechtslage von PWHAs (Menschen mit HIV/Aids) in Russland, Zentralasien, der Ukraine, aber auch in Südosteuropa und dem Baltikum. Jonathan Mann, ein Pionier des weltweiten Kampfes gegen Aids, hat es vor vielen Jahren bereits auf den Punkt gebracht: Steht es schlecht um die Menschenrechten, steht es auch schlecht im Kampf gegen die HIV-Epidemie. Wo Drogenbenutzende in die Kriminalität verbannt werden, ist eine effektive HIV-Prävention nicht möglich.

Dazu wurde eine „Wiener Deklaration" formuliert, die Regierungen auffordert, die Menschenrechte anzuwenden, Drogenkonsumierende nicht zu kriminalisieren und Unterstützungsangebote wie Spritzentausch oder Methadonprogramme zu ermöglichen. Wir rufen deshalb hier unsere Leser und Leserinnen auf, die „Wiener Deklaration" ebenfalls zu unterzeichnen: www.viennadeclaration.com

Fehlende Medikamentenbestände und Global Fund in Geldnot
Hat man sich an vergangenen Kongressen daran gewöhnt, sich über die wachsende Anzahl Menschen unter anitretroviralen Therapie vor allem auch in ärmeren Ländern zu freuen - inzwischen stolze 5 Millionen! - war es diesmal ganz anders. Patientinnen und Patienten vor allem in der Türkei, Rumänien, dem Baltikum und in Russland leiden unter sogenannten Stockouts (Fehlbestände). Kurz - den Spitälern sind die Medikamente ausgegangen.

Zu spät bestellt, kein Geld, überforderte Behörden, Wirtschaftskrise, Schlamperei - der Gründe sind viele. Darunter leiden die Betroffenen, einige sind gar vom Tod bedroht, weil sie dringend auf ARV-Medikamente angewiesen sind. Was das heißen kann, ist in Litauen ersichtlich, einem EU-Mitglied notabene: nur 10 Prozent der HIV-infizierten Menschen sind unter Therapie, sie müssen CD-4 und Viruslastbestimmung sowie weitere Tests aus eigener Tasche bezahlen. Ehemalige Drogenbenutzende erhalten keine Adhärenzunterstützung, die Substitutionstherapie fällt Budgetkürzungen zum Opfer.

Für Unmut und Ärger sorgten auch Länder, die nach wie vor gar kein (Österreich), oder sehr viel weniger Geld als bisher in den Global Fund investieren wollen (Deutschland will seinen Beitrag um zwei Drittel kürzen). Der Global Fund ist auf der Suche nach 20 Milliarden Dollar: das ist eine Hiobsbotschaft für HIV-positive Menschen im Süden, deren nacktes Überleben von der Finanzierung ihrer Behandlung durch den Fund abhängt.

Grosser Applaus für ein Mikrobizid
Ein Mikrobizid ist ein Vaginalgel, welches Frauen vor einer HIV-Infektion schützen soll. Nach vielen Jahren erfolgloser Forschung erstmals ein Lichtblick: In der südafrikanischen CAPRISA Studie, www.caprisa.org mit einem Gel auf Basis der antiretroviralen Substanz Tenofovir (Viread) wurde die Ansteckungsrate der Teilnehmerinnen um 39 Prozent gesenkt; bei den Frauen, welche das Gel mindestens vor mindestens 80 Prozent aller Sexualkontakte anwandten, sogar um 54 Prozent.

Ein positiver Nebeneffekt: Das Risiko einer genitalen Herpesinfektion wurde ebenfalls um die Hälfte reduziert. Dies ist ein echter Durchbruch, der in Wien mit Standing Ovation begrüsst wurde.

Bis ein Mikrobizid jedoch marktfähig wird, wird es noch eine Weile dauern. Weitere Studien sind am Laufen. Besonders in Europa wird man auf Kombinationspräparate warten, um das Risiko von Resistenzen zu vermindern. Schwule Männer spitzten in Wien die Ohren, doch für rektale Anwendung haben wir vorläufig keine Daten.

Einen Schritt weiter mit der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)
Eine kleine Safety-Studie unter 400 schwulen Männern in San Francisco zeigte, dass die Anwendung von oral verabreichtem Tenofovir¹ während zwei Jahren sicher ist, und im Vergleich zu Placebo (Scheinarzneimittel, das keine wirksame Substanzen enthält) keinen nennenswerten Unterschied puncto Nebenwirkungen zeitigt. Erste Hinweise auf die Wirksamkeit dieser Intervention erwarten wir per Ende 2010 mit den Daten aus der Bangkok Tenofovir Studie bei Drogengebrauchern.

Demonstration fordert Menschenrechte
Am 21. Juli 2010 marschierten in Wien mehr als 15'000 Personen aus aller Welt durch die Innenstadt. Mit Plakaten und klaren Forderungen wiesen sie lautstark darauf hin, dass „Menschenrechte hier und jetzt" eine Voraussetzung für wirksame HIV-Prävention sind. Viele marschierten in orangen T-Shirts und unterstrichen ihre Botschaft mit Spruchbändern, Vuvuzelas und Trillerpfeifen.

Deutlich wurde auch die Forderung nach der vollen Finanzierung des Global Fund formuliert. Über prachtvolle Alleen vorbei an Prunkgebäuden, die an Könige und Kaiser erinnerten, führte die Demonstration auf den Heldenplatz, wo eine Bühne und Verpflegungsstände aufgebaut waren.

Nach zahlreichen Reden meldete sich Annie Lennox zu Wort, mit einem berührenden Filmdokument über aidskranke Kinder in Mozambique. Die Sängerin verlangte, den universalen Zugang zu ARV-Medikamenten zu ermöglichen für alle, die sie benötigen. So schätzt UNAIDS, dass weitere 10 Millionen Menschen eine ARV-Behandlung brauchen, um zu überleben.

Positive Lounge
Ein Ort der besonderen Art innerhalb der Aids-Konferenz war einmal mehr die Positive Lounge für Menschen mit HIV. Ausgestattet mit bequemen roten und weissen Ledersofas und einem gemütlichen Bistro lud die Lounge zum Verweilen ein.

Für den Eintritt wurde an die Ehrlichkeit der Personen appelliert: Zutritt einzig für HIV-Positive, überprüft wurde dies aber nicht. Diese positive Insel inmitten des Konferenzgeschehens ermöglichte Ausruhen, Austausch und Begegnungen und war für viele ein wichtiger Treffpunkt. Positive aus Afrika, Amerika, Europa, der Karibik, Asien und Südostasien, Russland, dem Fernen Osten und Australien tranken hier gemeinsam Kaffee, vernetzten sich und diskutierten die Konferenzthemen.

 

Text: Romy Mathys, David Haerry, Wien, Bilder:http://aids2010.smugmug.com/


 

07.05.2010

Globaler Fonds sei dank - sie leben!

Unsere HIV-positive Redaktorin verbrachte den Welt-Aids-Tag 2009 im westafrikanischen Land Mali mit Menschen, die gut mit HIV leben können dank antiretroviraler Medikamente. Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ermöglicht nämlich, dass mehr als 22'000 Personen in einem der ärmsten Länder Afrikas Behandlung für ihre HIV-Infektion bekommen.

„Kommst du auch zum Welt-Aids Tag?" fragte mich Aminata*, die mir anvertraut hatte, dass sie HIV-positiv sei. „Um 8.00 Uhr am Point Fixe." „Morgens oder abends?" wollte ich wissen. Daran, dass in Bamako, der malischen Hauptstadt, vieles anders war als in Europa, hatte ich mich gewöhnt. Aber Aktivitäten zum Welt-Aids-Tag, die morgens um 8.00 Uhr begannen? „Am Morgen", bestätigte Aminata das Unglaubliche. „Ja, ich komme gerne, aber wegen des Morgenstaus wird es bei mir etwas später ...". Leben in Bamako bedeutet, sich mit dem Verkehrschaos, das jeden Morgen und Abend alle wichtigen Strassen blockiert, zu arrangieren.

Welt-Aids-Tag in Bamako
Für den Welt-Aids-Tag hatte man den Verkehrskreisel ‚Point Fixe' im Regierungsquartier abgesperrt. Auf dem Platz boten Zeltdächer Schatten und Stühle für mehrere hundert Personen. Am Rednerpult sprach der Staatspräsident Amadou Toumani Touré, als ich gegen 9.30 Uhr ankam. Ich war von der Menschenmenge und von der Prominenz des Redners beeindruckt. Per Handy lotste Aminata mich zu sich und ihren Freundinnen Awa* und Bintou*. Sie sassen in einem schattigen Zelt, alle in denselben Stoff gekleidet. Aminata stellte mich bei meinem afrikanischen Namen vor: „Das ist Ramata Coulibaly, sie ist auch HIV-positiv!" und sofort entstand diese solidarische Nähe und mit Worten schwer erklärbare Verbundenheit. Zwischen den offiziellen Reden gab es ein Theater zu HIV-Prävention. Im Zelt herrschten trotz Schatten immer noch 31°. Ich hatte Zeit, die Parolen auf ihren Kleidern zu lesen: «Ich bin in Sicherheit» «In Mali sind Zugang zur Prävention und Pflege für HIV und Aids ein Recht und eine Aufgabe für alle» «Alle Menschen verdienen es, mit ihren Rechten zu leben», «Ich kann Behandlung bekommen». „Das sind die Parolen 2009. Wir haben den bedruckten Stoff bekommen, damit wir uns daraus Kleider nähen", erklärte mir Awa. Eine Art Parolen-Gewandung für die folgenden vier Wochen. Der Welt-Aids-Tag war in Mali Auftakt für eine vierwöchige Kampagne, mit der die Bevölkerung durch die Medien und Aktivitäten zu HIV/AIDS sensibilisiert werden sollte.

Medikamente für Menschen mit HIV?
Ich wollte wissen, ob Menschen mit HIV in Mali Zugang zu antiretroviralen Medikamenten hätten und wie sie damit lebten. „Ich nehme seit 2004 solche Medikamente und es geht mir damit sehr gut!" verkündete Bintou und lachte zufrieden. Sie war mittelgross und ungefähr 40 Jahre alt. „Wir bekommen diese Medikamente gratis im CESAC, wo sie auch alle Bluttest durchführen. Wer HIV hat, kann dort hingehen und kann sich behandeln lassen - das kostet nichts." Auch Awa bestätigte, dass sie eine Dreierkombination nehme und es ihr damit gut gehe. Das war deutlich spürbar, Awa lachte gerne und war jung, schön und üppig. Im CESAC hatte ich erfahren, dass von geschätzten 104'000 HIV-Positiven in Mali 2009 ca. 22'000 mit anitretroviralen Generika behandelt wurden. Finanziert wurde dies durch den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (siehe Infobox).
Bintou hatte ein Sotrama organisiert, einer dieser grossen, klapprigen Kastenwagen, die in Bamako als öffentliche Verkehrsmittel dienen. Wir quetschten uns - mindestens 25 Personen - in den Laderaum und los ging's. Ich konnte es kaum glauben: ich sass in einem Sotrama voller Menschen mit HIV und wir fuhren zu ihrem Zentrum! Unterwegs erklärte mir Bintou, dass es AMAS, den Verein für die Männer mit HIV und AFAS, den Verein für die HIV-positiven Frauen und ihre Kinder gab.

Im AMAS & AFAS Zentrum
Das AMAS & AFAS Zentrum war eine schlichte Villa aus der Kolonialzeit, umrahmt von einer Veranda und einem grosszügigen Garten. Vor dem Haus war ein grosser, gepflasterter Platz mit einem grossen Sonnendach. Hier versammelten sich die Menschen, fast alle in denselben Parolenstoff gekleidet. Mehr als hundert Personen hatten sich versammelt, Männer, Frauen und Kinder. Aminata nahm mich bei der Hand und zeigte mir voller Stolz „unser Zentrum". Hinter dem Haus arbeiteten die Köchinnen an ihren grossen Töpfen. Die Küche war ein einfacher, gedeckter Raum, die Köchinnen arbeiteten am Boden, wie die meisten Frauen in Mali mit einfachen Kohle- und Gaskochern.

Essen im Zentrum
Rings um den Vorplatz waren Plastikkrüge mit Wasser platziert, an denen wir uns die Hände wuschen. Bintou winkte mich zu sich und hatte auch einen Stuhl für mich reserviert. Wir bildeten Kreise von etwa acht Personen. Aminata drückte mir einen Esslöffel in die Hand. Die Köchinnen balancierten die schweren Plastikbecken mit unglaublicher Eleganz auf ihren Köpfen. In jeden Kreis stellte eine Köchin ein Plastikbecken mit viel Reis, wenig Gemüse und noch weniger Fleisch. Wir begannen zu essen, alle taten das nach malischer Art mit den Händen, während ich den Löffel benutzte. Es schmeckte einfach grossartig, wir assen viel Reis, die Fleisch- und Gemüsestücke wurden ohne Worte gerecht aufgeteilt. In der Mitte des Platzes stand das Wasserfass mit Trinkwasser, zu dem einfach alle hingingen, um mit einem Becher Wasser zu schöpfen und zu trinken. Ich sah mich um und spürte ein Welle der Freude. Endlich hatte ich in diesem fremden Land ein Zuhause gefunden: bei den Menschen, die mit HIV lebten.

Aktivismus hat sich gelohnt!
Und ich erinnerte mich, wie wir vor Jahren an Demonstrationen „Medikamente für alle!" gefordert hatten. Diese neue Realität durfte ich nun erleben: alle, die ich im Zentrum danach fragte, bestätigten mir, dass sie Medikamente nahmen! Globaler Fonds sei Dank: Aminata, Awa, Bintou und mindestens 21'997 Weitere in Mali überleben mit HIV!

Was ist Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria?
Der 2002 gegründete Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria sammelt und verteilt beträchtliche Mittel für den Kampf gegen HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria - Krankheiten, die 2007 fast 4,2 Millionen Opfer forderten. Durch innovative Partnerschaften mit Regierungen, der Zivilgesellschaft, dem privaten Sektor und den Empfängern leitet der Globale Fonds seine Mittel in auf Länderebene entwickelte und gelenkte Programme. Der Beitrag der Schweiz betrug zu Beginn CHF 10 Mio.

Infos zum Globalen Fonds auf one.org

Die offizielle Website des Global Fund (Englisch)

Der Globale Fonds nimmt seinen Sitz in der Schweiz

Zum HIV/Aids-Engagement der Schweiz


Text/Bilder: Romy Mathys alias Ramata Coulibaly (romymathys@postmail.ch)
*) Namen wurden geändert

 

07.05.2010

China: Einreiseverbot für HIV-Positive aufgehoben

Endlich hebt auch die Volksrepublik China das Einreiseverbot für HIV-Positive mit sofortiger Wirkung auf. Damit wäre eine weitere Mauer der Diskriminierung gefallen. Doch Vorsicht: Noch ist das Kleingedruckte des Gesetzestextes nicht bekannt.

Im Vorfeld der Weltausstellung in Shanghai, wo Millionen ausländischer Besucher erwartet werden, hat die chinesische Regierung am 28. April 2010 die Aufhebung des seit 20 Jahren bestehenden Einreiseverbots für HIV-positive Menschen angekündigt.
In einer Verlautbarung des Staatsrates, dem höchsten Organ der Volksrepublik, schreibt die Regierung, dass die bisherigen Regelungen nur eine sehr begrenzte Präventionswirkung im Landesinnern hatten. Hingegen habe das generelle Einreiseverbot für Menschen mit HIV zu Unannehmlichkeiten bei der Durchführung internationaler Grossveranstaltungen geführt. Bei solchen Anlässen hat China das Einreiseverbot in der Vergangenheit bereits mehrmals für eine begrenzte Zeit aufgehoben, letztmals während der Olympiade 2008.

Fallstricke im Visumsformular
Das Visumantragsformular der Volksrepublik war in der Tat widersprüchlich, denn es hielt für viele Reisende Fallstricke bereit. Unter Punkt 3.4 werden Antragsteller nach verschiedenen Krankheitsbildern abgefragt (Geistes- und Geschlechtserkrankungen, Lepra, offene Tuberkulose, HIV-positiv oder AIDS, andere Infektionskrankheiten). In einer Fussnote wird erklärt, dass ein Bejahen dieser Frage nicht automatisch zu einer Ablehnung des Visumantrags führe. Das war eine glatte Lüge wie wir heute wissen. Denn gemäss der Datenbank www.hivrestrictions.org ist kein einziger Fall bekannt, wo bei der Bejahung dieser Frage trotzdem ein Visum gewährt worden wäre. Belegt sind sogar viele Fälle, in denen Menschen aufgrund ihrer HIV-Infektion deportiert wurden.

Internationaler Druck
Im November 2008 organisierte der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria eine Vorstandssitzung in Peking. Da einige Vorstandsmitglieder HIV-positiv sind, führte das Treffen zu einigen diplomatischen Verrenkungen. Die Sitzung fand statt, nachdem die chinesische Regierung versprochen hatte, die Bestimmungen zu revidieren. Der Globale Fonds intervenierte damals bei UNAIDS, und ein internationales Task Team verfasste Empfehlungen zur Aufhebung aller bestehenden Diskriminierungen bei Einreise und Aufenthalt.
In Peking herrschte seither Funkstille. Die letzte Peinlichkeit liegt nur wenige Wochen zurück: die Einreiseverweigerung im Falle des australischen HIV-positiven Schriftstellers Robert Dessaix, der zu einem Literaturfestival nach Chengdu und Peking eingeladen war, sorgte noch im März für ein erhebliches Medienecho. Über 90 australische Schriftsteller unterzeichneten daraufhin ein Protestschreiben, in dem die diskriminierenden Einreisebestimmungen Chinas verurteilt werden.
Edwin Cameron, bekannter HIV-positiver Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht, der im letztes Jahr zweimal nach China reiste, wurde bei seinem zweiten Besuch ebenfalls beinahe die Einreise verwehrt. Cameron äussert sich sehr befriedigt über die Aufhebung der "unlogischen" Einreisesperre. Ebenfalls aufgehoben wurde das Einreiseverbot für Lepra und Geschlechtskrankheiten.

Ankündigungen nicht immer umgesetzt
Zum jetzigen Zeitpunkt liegen die Ausführungsbestimmungen sowie die neuen Visumantragsformulare noch nicht vor. Es ist deshalb nicht ganz klar, ob sowohl Einreise- wie auch das Aufenthaltsverbot aufgehoben wurde. Unklar ist also, ob sich die veränderte Gesetzeslage auch auf längerfristige Aufenthalte auswirkt, ob weiterhin Deportationen möglich sind etc. Es könnte also durchaus sein, dass das Kleingedruckte des Gesetzestextes noch Überraschungen bereithält. Bevor hier Klarheit herrscht, sei Vorsicht angeraten.
Südkorea hatte per Anfang Januar ebenfalls angekündigt, das Einreiseverbot abgeschafft zu haben. Experten betrachten dies aber als eine irreführende Geste, denn in Südkorea lebende Ausländer müssen sich nach wie vor Zwangstests unterziehen, und die Gesetze welche eine Deportation HIV-positiver erlauben, sind nach wie vor in Kraft.
Mehr als 50 Staaten haben nach wie vor Einreise- oder Aufenthaltsbeschränkungen, in 17 Nationen sind selbst kurzfristige Aufenthalte problematisch oder unmöglich. 19 Staaten deportieren Menschen mit HIV.

Bei Redaktionsschluss liegen weder Übersetzungen der chinesischen Regierungsbeschlüsse noch aktualisierte Visaantragsformulare vor. Es ist damit nicht klar, wie die Beschlüsse in der Praxis umgesetzt werden. Wir wissen zum Beispiel im Moment nicht, ob Besucher künftig den HIV-Status auf Einreiseformularen deklarieren müssen.

Wir empfehlen deshalb in Bezug auf China

  • Beim Ausfüllen eines Einreisevisumantrags HIV-Infektion verneinen (wir wissen nicht, wie rasch die Formulare ersetzt werden). In der Vergangenheit wurden Anträge mit deklarierter HIV-Infektion abgelehnt.
  • Vorsicht bei der freiwilligen Offenlegung des HIV-Status, z. B. durch Red Ribbon Anstecker etc.
  • Bei geplantem längerem, beruflichem Aufenthalt (mehr als sechs Monate) in China Situation neu abklären. Bisher war ein HIV-Test obligatorisch. Tests wurden auch in China und ohne Wissen der Betroffenen durchgeführt. Ein positives Resultat führte zur sofortigen Ausweisung und auch zu Verlust des Arbeitsplatzes.
  • Die weitere Entwicklung beobachten: aktualisierte Informationen werden auf der Datenbank hivrestrictions.org zur Verfügung gestellt.
  • Hong Kong, Macao: Beide Städte haben ein separates Visumsverfahren und keine Beschränkungen für HIV-positive.

Text: David Haerry  Bild: photocase.com
Der Autor dankt Peter Wiessner aus Köln für die Durchsicht des Manuskripts.

 

03.02.2010

HIV-Diagnosen auf dem tiefsten Stand seit 2001

2009 ist die Zahl der neuen HIV-Diagnosen in der Schweiz unter 600 gesunken. Das ist knapp ein Viertel weniger als im Vorjahr und so tief wie vor fast 10 Jahren. Zwar erfreulich, aber noch lange kein Grund, mit der Prävention aufzuhören. 

Der Rückgang ist am ausgeprägtesten bei Männern, die Sex mit Männern haben. Aber auch bei anderen Gruppen ist die Anzahl der Neudiagnosen gesunken. Ob sich dieser Trend längerfristig fortschreibt, muss sich allerdings erst noch zeigen. „Es gibt nicht einen einzelnen Grund, warum die Zahlen gesunken sind" sagt Lukas Meyer von der Aids-Hilfe Schweiz, „der Rückgang muss die Folge verschiedenster Faktoren sein, da er alle Gruppen betrifft".

Trotzdem noch kein Grund zum Jubeln: Die Anzahl Neudiagnosen ist im Vergleich mit Nachbarländern nach wie vor hoch, die Prävention muss also weitergehen. „Es wäre ein schwerer Fehler, diesen Rückgang zum Anlass zu nehmen, die Mittel und Anstrengungen in der Prävention zurückzufahren", so Lukas Meyer.

Bild: fotolia.de

 

25.11.2009

Bronze für die Schweiz

Im europäischen Vergleich gehört die Schweiz bei der HIV/Aids-Prävention zu den absoluten Spitzenreitern. Das sagt der erste Europäische HIV-Index, der im Oktober in Brüssel vorgestellt wurde. Der Index weist aber auch auf Schwachpunkte im Umgang mit HIV hierzulande hin.

Die Schweizer haben im ersten Europäischen HIV-Index den dritten Platz erreicht. Mit 775 von 1000 möglichen Punkten hat sich die Eidgenossenschaft direkt hinter Luxemburg (857) und Malta (791) platziert. Von unseren Nachbarländern erreichte Deutschland den 13. Rang, Italien belegte mit Rang 27 den drittletzten Platz. Der Index vergleicht 29 europäische Länder und bewertet insbesondere die Vorbeugung, den Zugang zu medizinischer Behandlung und die soziale Integration von HIV-Infizierten.

Klassenbester in der Prävention
Die Schweizer haben in allen untersuchten Bereichen der Studie gut abgeschlossen. „Am eindrücklichsten sind die Resultate der Schweiz aber im Bereich der Prävention", sagt Beatriz Cebolla, Leiterin des Index. Die helvetische Prävention ist gemäss der Studie nahezu perfekt und wird besser als bei allen anderen 28 Ländern benotet.

Schwachstellen aufgedeckt
Schwächen bestehen bei uns gemäss der Analyse allerdings beim Zugang von Randgruppen zu medizinischer Versorgung. Besonders HIV-infizierte Sans Papiers blieben oft ohne ärztliche Betreuung. Die Studie kritisiert auch die im Vergleich weitgehende Kriminalisierung von HIV-Betroffenen in der Schweiz: Noch immer können diese hierzulande wegen ungeschütztem Geschlechtsverkehr verurteilt werden - selbst dann, wenn beide den Sex wollten und von der Infektion wussten. Beatriz Cebolla hält ausserdem fest: „Die Schweizer sollten mehr Kontrolluntersuchungen durchführen, um Sekundärinfektionen zu verhindern. Es ist wichtig, Tuberkulose-Patienten auf HIV zu testen. Umgekehrt sollten HIV-Patienten auf Geschlechtskrankheiten und Hepatitis untersucht werden."

Lob für die Schweizer Kohortenstudie
Für den Index hat das Beratungsunternehmen Health Consumer Powerhouse (HCP) die ausgewählten Länder im Hinblick auf 28 verschiedene Indikatoren miteinander verglichen. Als Grundlage für die Untersuchung dienten vor allem öffentliche Statistiken und Angaben von Patientengruppen, Verbänden und Behörden. Die Autoren der Studie lobten dabei explizit die Schweizerische HIV-Kohortenstudie, die seit 1988 systematisch Daten der HIV-infizierten Teilnehmer erfasst.

Ruf nach Führungsverantwortung
Die HIV-Infektionen nehmen in Europa weiter zu, wie die Studie feststellt. Die Autoren plädieren darum für radikale Schritte und mehr Führungsverantwortung. Johan Hjertqvist, Präsident des HCP, kritisiert: „Es ist alarmierend, dass in keinem der untersuchten Länder die genaue Zahl der HIV-infizierten Einwohner bekannt ist." Sein Fazit:„Dieser erste Europäische HIV-Index zeigt uns vor allem, dass es noch viel zu tun gibt."

Text: Corinne Stöckli  Bild: fotolia.de

 

19.08.2009

Ausweitung der Kunstzone

Seit rund 25 Jahren beschäftigen sich Künstler mit dem Thema HIV. Ein grossartiger Fundus ist die 'Visual Aids Gallery', die weltgrösste Sammlung von HIV-Kunst.

«Ich dachte immer, ich könnte niemanden verlieren, wenn ich ihn nur oft genug fotografiere. Aber meine Bilder zeigen mir, wieviel ich tatsächlich verloren habe», sagte die Fotografin Nan Goldin über ihre Arbeit. Seit den frühen 80er Jahren hat sie ihre Freunde, von denen viele an Aids erkrankt waren, regelmässig mit der Kamera festgehalten. Es war ein Versuch, sie im Leben festzuhalten, damit sie nicht für immer verschwinden.

Aids beeinflusst die Kunstwelt
Nan Goldin war von Anfang an dabei, als 1988 Visual Aids gegründet wurde. Mit dem Projekt stellte eine Gruppe professioneller Künstler der Angst vor der Krankheit eine Mission gegenüber: Visual Aids hat die weltweit grösste Sammlung an Kunstwerken HIV-positiver Künstler und Nachlässen aufgebaut und unterstützt Kunstschaffende in ihrer Karriere. Das Projekt war eine der ersten Initiativen in den USA, die die Auswirkung von Aids auf die Kunstwelt dokumentierte. Frank Moore, New Yorker Maler und Mitglied von Visual Aids, war es, der die Aids-Schleife Red Ribbon kreiert hat. Fotografie und Kunst versuchten die unfassbare Krankheit seit der ersten Stunde zu begreifen - aus persönlicher Betroffenheit, aus Schmerz und Angst heraus. Mit den Jahren begannen auch andere Künstler und Plattformen der Öffentlichkeit immer stärker bewusst zu machen: Aids ist nicht vorbei.

- Visual Aids - die Online-Galerie
- Nan Goldin ist zurzeit Kuratorin eines der weltweit grössten Fotofestivals, der Rencontres d'Arles. Noch bis zum 13. September.

Zum Bild: Joe de Hoyos, „Homophobia", 1988, Collage. Joe De Hoyos ist Collage-Künstler und lebt in San Francisco. Seine Werke wurden national und international ausgestellt, unter anderem in Australien, Holland und Italien. Neben der Kunst betreibt er einen Online-Shop mit eigenen Mode-Kreationen.

Text: Diana Frei  Bild: Joe de Hoyos, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

 

06.05.2009

Genfer Freispruch macht Mut

Ein HIV-positiver Mann hatte ungeschützten Sex. Das Genfer Obergericht hat ihn freigesprochen, weil er nicht ansteckend war. Eine Premiere, die hoffen lässt.

Im Februar 2009 wird ein HIV-positiver Mann von der Genfer Justiz freigesprochen, der wegen ungeschützten Geschlechtsverkehrs in erster Instanz schuldig gesprochen worden ist. Die Partnerinnen hatten sich nicht angesteckt. Damit hält nun endlich Einzug in die Rechtsprechung, was medizinisch schon seit Jahren unbestritten war: Wer unter wirksamer antiretroviraler Therapie (ART) steht, kann HIV sexuell nicht mehr übertragen. «Für mich ist das Genfer Urteil eine Genugtuung, weil die Justiz nun anfängt, sich auf medizinische Fakten einzustellen», sagt Rolf Stalder, Vorstandsmitglied der Betroffenenorganisation LHIVE, «HIV-Positive können nicht mehr automatisch zu Tätern gestempelt werden.»
Drei Bedingungen müssen für eine wirksame Therapie erfüllt sein: Die ART wird konsequent eingehalten, und die Wirkung wird regelmässig ärztlich kontrolliert. Viren können im Blut seit mindestens sechs Monaten nicht mehr nachgewiesen werden. Und es besteht keine andere sexuell übertragbare Infektion - denn diese könnte die Wirkung der ART schmälern.

Offene Informationspolitik ist umstritten
Im Januar 2008 hat die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) diese medizinischen Forschungsergebnisse in einem Statement veröffentlicht. Laut dem Präsidenten der EKAF, Pietro Vernazza, ist die Schweiz das erste Land weltweit, in dem die Behörden und Fachgremien öffentlich verkünden, dass konsequent therapierte HIV-positive Menschen nicht mehr ansteckend sind. Die ersten internationalen Kommentare waren meist ablehnend, doch Vernazza hält ihnen in der Schweizerischen Ärztezeitung entgegen: «Mit ihrer jüngsten HIV-Botschaft hat die Schweiz den Weg einer offenen und transparenten Informationspolitik begangen, die den Bürger nicht für dumm verkauft, sondern ihm zutraut, dass er mit differenzierten Informationen umgehen (...) kann.» Die Aids-Hilfe Schweiz hat das Statement der EKAF zur Information an alle Kantonalen Gerichte der Schweiz geschickt.

Mehrheit der Menschen mit HIV unter wirksamer Therapie
«Das EKAF-Statement verändert ganz direkt unsere Lebensqualität», sagt Rolf Stalder, «zusammen mit dem Genfer Urteil fügt es sich zu einem Puzzle der rechtlichen Sicherheit und Entstigmatisierung, das langsam kompletter wird.» Die offizielle Aussage einer Eidgenössische Kommission sei wichtig, weil aktuelle Fakten nach wie vor zu wenig bekannt gemacht würden: «Was wir brauchen, ist klare öffentliche Information. Und das Statement ist ein grosser Schritt dahin.»
Die ART wird seit 1996 angewandt. Laut Professor Bernard Hirschel, Mitautor des EKAF-Statements und Leiter der HIV/Aids-Einheit am Genfer Kantonsspital, steht die Mehrheit der HIV-positiven Menschen in der Schweiz unter wirksamer Therapie. Menschen mit HIV, die in einer festen Beziehung mit einem HIV-negativen Menschen leben, werden in Arzt-Patienten-Gesprächen schon seit einiger Zeit darüber aufgeklärt, dass sie unter den genannten Bedingungen auf das Kondom verzichten können. Nicht so bei Gelegenheitskontakten: Die Safer-Sex-Regeln gelten weiterhin - nicht nur zum Schutz vor weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten.

Keine rechtliche Sicherheit in anderen Kantonen
Denn beim Genfer Freispruch handelt es sich nicht um ein Bundesgerichtsurteil, das für die ganze Schweiz bindend wäre, sondern um einen kantonalen Entscheid. «Es handelt sich um ein Signal aus dem Kanton Genf. Aber man kann es noch nicht dahingehend deuten, dass in einem anderen Kanton gleich entschieden würde», sagt Dominik Bachmann vom Rechtsdienst der Aids-Hilfe Schweiz. Das Urteil kann ein Anwalt in einem ähnlichen Fall zwar als Argument einbringen. «Aber es gibt keine Garantie auf einen Freispruch», so Bachmann. Die Aids-Hilfe Schweiz begrüsst den Genfer Urteilsspruch.

Ansteckungsrisiko bisher kein Argument
Nach bisheriger Rechtspraxis der Schweiz können auch Menschen mit HIV verurteilt werden, die ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten, ohne jemanden dabei anzustecken. Das Ansteckungsrisiko spielt keine Rolle - und bisher zählte auch die Tatsache nicht, dass dieses Risiko unter Therapie praktisch bei Null liegt. Hier schafft das EKAF-Statement eine neue Situation: «Es ist zu hoffen, dass die Stellungnahme der EKAF Auswirkungen auf die Rechtsprechung haben wird - wie nun im Genfer Fall geschehen», sagt Bachmann, «es handelt sich dabei um wissenschaftliche Erkenntnisse, die ein Gericht berücksichtigen muss.»

Einseitige Schuldzuweisung
Bis anhin ging die Justiz davon aus, dass ein Mensch mit HIV eventualvorsätzlich handelt, wenn er die Safer-Sex-Regeln nicht einhält. Das verhält sich natürlich anders, wenn er weiss, dass er nicht ansteckend sein kann.
Die Aids-Hilfe Schweiz stellt sich gegen die Verurteilung HIV-positiver Menschen (wenn nicht Gewalt, Drohung oder ein Abhängigkeitsverhältnis im Spiel war), weil sie die Präventionsbemühungen unterläuft: Sie schiebt die Verantwortung einseitig dem HIV-Positiven zu. Prävention kann aber nur funktionieren, wenn jeder für sich selber die Verantwortung übernimmt, sich zu schützen. Was auch heisst: Weder der Genfer Urteilsspruch noch das EKAF-Statement bedeuten Entwarnung im Umgang mit Gelegenheitssex. Aber sie sind der Anfang vom Ende einer einseitigen Schuldzuweisung und Stigmatisierung.

Text: Diana Frei. Bild: fotolia.de