AIDS HILFE SCHWEIZ

 

Gesellschaft / Recht

„Alle wissen, dass ich schwul bin, aber nicht alle wissen, dass ich HIV-positiv bin“

Soll man es sagen oder nicht, dass man HIV-positiv ist? Und wenn ja, wem? POSITIV hat mit KMK*. ein Interview über sein „Coming-out" als HIV-Positiver geführt.

KMK wuchs im Kanton Solothurn auf, trat eine Betriebsbeamtenlehre bei den Schweizerischen Bundesbahnen an und arbeitet - mit längeren Unterbrüchen - noch immer bei der SBB. In einem kleinen Team in einer Kaderposition. 2011 wird er in Pension gehen. Er war und ist teilweise noch immer aktiver Gewerkschafter, Vertreter der Homosexuellen-Bewegung und war auch bei der Gründung der Aids-Hilfe Schweiz dabei. KMK lebt seit Jahren in einer festen Beziehung. Er kann sich vorstellen, nach seiner Pensionierung öffentliche Aufgaben als HIV-Positiver zu übernehmen.

KMK wann haben Sie von Ihrem positiven Testresultat erfahren und wie gingen Sie damit um?
Ende 1999, als ich vom HIV-positiven Ergebnis erfuhr, stand eine Offenlegung auch in meinem nächsten Umfeld überhaupt nicht zur Debatte, das heisst im Vordergrund. Ich erzählte es nicht. Niemandem. Ich musste zuerst mit mir selber fertig werden. Ich hatte ja Erfahrung mit diesem Thema. Ich war ganz am Anfang bei der Aids-Hilfe Schweiz (1984) dabei, half später mit, die Aids-Hilfe Tessin zu gründen und hatte die anschliessenden Entwicklungen und Ratschläge in Bezug auf Offenlegung an HIV-Positive verfolgt.

Kam die Diagnose aus heiterem Himmel oder war sie keine Überraschung?
Es war keine grosse Überraschung. Ich hatte in jenem Sommer komische Zuckungen im Gesicht und früher Nachtschweiss, brachte es dennoch nicht zwingend mit HIV in Verbindung. Nach einem Arztwechsel verlangte ich vom - schwulenfreundlichen - Arzt auch den HIV-Test. Trotzdem brauchte ich eine ganze Weile bis ich es meinem Partner, später einem Teil meiner Familie, mitteilen konnte. Meine Mutter - sie verstarb 2002 - erfuhr es nicht mehr. Weiteren Familienmitgliedern habe ich es in der Zwischenzeit mitgeteilt, anderen noch nicht. Das sind teilweise komplizierte Beziehungen. Alle wissen, dass ich schwul bin, aber nicht alle wissen, dass ich HIV-positiv bin.

Wer war die erste Person, die davon erfuhr, abgesehen vom behandelnden Arzt?
Die allererste Person, der ich mich anvertraute, war meine Co-Präsidentin der Gewerkschaftssektion, etwa ein Jahr nach der Diagnose. Sie war so etwas wie mein Versuchskaninchen. Sie nahm die Mittleilung zum Glück mit Vernunft und Gelassenheit auf.
 
Und ihr Partner? Wann erfuhr er von Ihrer HIV-Infektion?
Ich konnte es ihm erst während meines ersten Spitalaufenthalts 2002 sagen. Er stammt aus einem afrikanischen Staat und hat ein anders Verhältnis zu Krankheiten. Das heisst, er ist sehr mitfühlend, hat aber auch einen hypochondrischen Zug. In dieser Zeit erzählte ich es auch meinem vertrautesten Arbeitskollegen. Bis 2004 weitete sich dann der Kreis der Eingeweihten zögerlich aus - auch auf die Familie. Während meines zweiten Spitalaufenthaltes in jenem Jahr, und einer Abwesenheit vom Arbeitsplatz von ungefähr fünf Monaten, sah ich mich genötigt, auch meinen Chef zu informieren. Erst jetzt, in den letzten Monaten, wurde mein Status zu einem „segreto di pulcinella", zu einem öffentlichen Geheimnis.

Hatten Sie keine Angst ihren Partner angesteckt zu haben?
Die Angst war da. Ich tat dann etwas, das man eigentlich nicht darf. Ich liess sein Blut heimlich testen. Ich fragte seine Ärztin, ob Sie das mit vorhandenen Blutentnahmen machen würde. Sie wollte zuerst gar nicht (was ja auch sehr richtig ist), willigte dann aber auf Grund der besonderen Situation doch ein. Ich war erleichtert, als er negativ war.

War die Offenlegung in der Familie ein befreiender Schritt?
Es war wie bei meinem Coming-out als Schwuler. Jetzt habe ich es euch gesagt, jetzt wisst ihr es, was ihr damit macht ist eure Sache.

Ihr Öffentlichmachen als schwuler Mann fand früher statt?
Mein Coming-out als Schwuler in der Familie fand anfangs der 70er-Jahre statt. Ich engagierte mich in der Schweizerischen Organisation der Homophilen, SOH. 1984 begann ich auch mit meiner Arbeit für die Aids-Hilfe Tessin. Das Klima im Tessin in Bezug auf schwule Männer war in jener Zeit härter als in der Deutschschweiz. Auf der Arbeit bei den SBB versteckte ich mich nicht. Wer wollte, konnte mich als Schwulen erkennen, wer nicht, auch gut. Nach einem Bericht über mich in einer Zeitung wurde aber ein Dossier angelegt. Man ermahnte mich und ich durfte nicht mehr öffentlich in Erscheinung treten. Anderenfalls würde man mich aus der Öffentlichkeit, respektive dem Kundenkontakt entfernen. Eine Aufgabe in der Lehrlingsbetreuung wurde mir verwehrt.

Wie regierten Sie? Setzten Sie sich zur Wehr?
Das war Ende der 70er-Jahre noch nicht so einfach. Ich machte aber weiter wie gehabt, ohne Konsequenzen. Das änderte sich Mitte der 80er-Jahre. Da gab ich einer Zeitung ein Interview und erklärte, ich könnte mir auch vorstellen, Kinder zu adoptieren. Das war in jener Zeit ein noch grösseres Tabu. Da herrschte dann mit meinen Kolleginnen und Kollegen plötzlich ein frostiges Klima.

Was sagte Ihr Vorgesetzter, als Sie ihm mitteilten, Sie seien HIV-positiv?
Er nahm es zur Kenntnis. Später, als ich krankheitshalber noch weitere Absenzen hatte und 50 Prozent arbeitete, meinte er, das gehe so nicht. Er meinte, ich solle mir überlegen IV zu beziehen und legte mir die frühzeitige Pensionierung nahe. Ich überlegte mir dies auch. Nach einer Umstellung auf eine neue Therapie ging es mir aber wieder so viel besser, dass ich unbedingt weiterarbeiten wollte. Jetzt ist das Thema vom Tisch und ich arbeite seit 2005 wieder zu hundert Prozent. Im Nachhinein beschäftigt es mich noch immer, wenn ich mir vorstelle, was er von mir forderte. Einen Krebspatienten würde man auch nicht dazu auffordern... Das trage ich meinem Chef noch immer nach.

Hat Ihr Chef Sie später wieder einmal darauf angesprochen?
Nur sehr indirekt. Im Rahmen eines Mitarbeitergesprächs meinte er, sie hätten nie geglaubt, dass es mir je wieder so gut gehen würde.

Die Offenlegung Ihrer HIV-Infektion verlief fast sehr bewusst. Sie liessen sich Zeit: zuerst kam das Coming-out im kleinen, ausgewählten Kreis, um dann weitere Kreise einzubeziehen, allenfalls Arbeitgeber, etc. ...
Jetzt kann es mir auch spontan passieren. Aber zu Beginn war diese Vorsicht da. Das hing sicher auch mit dem Gefühl zusammen, dass ich nicht nochmals ein Coming-out als HIV-Positiver bewältigen wollte. Bezeichnend ist sicher die Tatsache, dass ich mich wohl als Schwuler für die Aids-Hilfe einsetzen konnte, aber nicht für mich selbst als HIV-Positiver. Eigentlich tragisch, oder?

Was waren die Gründe bei Ihnen, was glauben Sie?
Es war zu meinem Selbstschutz nötig. Bei der Gründung von LHIVE lehnte ich es noch klar ab, öffentlich aufzutreten. Zwei, drei Gründe gaben den Ausschlag. Einerseits die Rücksicht auf meinen Lebenspartner. Da er aus Afrika stammt, fürchtete er, dass wir bald in aller Munde wären. Und zwar nicht nur in seiner Exil-Gemeinschaft, sondern bis in sein Heimatland. Das Mokassintelefon kennt ja keine unüberwindbaren Hindernisse.
Der zweite Grund ist mein berufliches Umfeld. Ich bin für eine internationale Eisenbahnorganisation tätig. Ich wollte sowohl meinen Arbeitgeber als auch mich vor unangenehmen Fragen schützen. Als dritter Grund kommt wohl auch noch dazu, dass eben die Kräfte, sei es nun wegen des Alters oder auch wegen meines Status, neben der offiziellen Arbeit und meiner nebenberuflichen Tätigkeit zusammen mit meinem Partner nicht für weitere Aktivitäten ausreichen.
Nicht verschweigen möchte ich ausserdem, dass mich plötzlich auch wieder eine Scham einholte, die ich längst abgelegt glaubte - was würden die Leute sagen, was würden sie von mir denken?
 
Und wie sind Ihre Erfahrungen bisher?
Bis jetzt hat mir noch nie jemand vorgeworfen, ich sei selber schuld.

Geht die Offenlegung weiter?
Vielleicht komme ich nach meiner Pensionierung dazu. Wer weiss.

Was würden Sie einem jungen HIV-positiven Menschen raten?
Meiner Meinung nach geht es den Arbeitgeber nichts an. Es ist nicht zwingend, sich zu outen. Jeder muss das selber entscheiden. Und wenn, dann soll er vorsichtig damit umgehen. Zuerst einmal einen Versuchsballon starten... sich gezielt eine Person auswählen, bei der man sich aussprechen kann. Vielleicht ist diese Person ja gar nicht so nah. Nicht der Partner, nicht die Familie. Mit Schwulen über HIV zu sprechen ist auch nicht immer einfach. Das öffentliche Auftreten als HIV-Positiver ist nicht allen gegeben. Und wenn sich ein Junger outet, wissen wir heute nicht was in 30, 40 Jahren sein wird.

Als Gewerkschafter haben Sie dafür gekämpft, dass die SBB die Anti-Diskriminierungsklausel in den Gesamtarbeitsvertag aufgenommen hat?
Ja. Aus meiner direkten Erfahrung mit der SBB. HIV-Positive sind den anderen Chronischkranken gleichgestellt. Und mit PinkRail, einer Arbeitsgruppe von Pink Cross, brachten wir die Forderung nach Gleichstellung für Schwule, ja LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), ein. Später zog die Post nach. In der Zwischenzeit hat der Schweizerische Gewerkschaftsbund ein Mitgliederkommission der Lesben und Schwulen eingerichtet.

Muss ich es am Arbeitsplatz sagen?

- Bei Stellenbewerbung und im Arbeitsverhältnis: keine Pflicht, den Arbeitgeber über die HIV-Infektion zu informieren.
- Fragt der Arbeitgeber nach HIV -> Notwehrrecht der Lüge, d.h. Frage darf falsch beantwortet werden.
- Bei einer vertrauensärztlichen Untersuchung im Auftrag des Arbeitgebers: HIV-Test = untersagt. Frage nach HIV und Medikamenten nur, wenn von Relevanz für das Arbeitsverhältnis. Weitergabe der Diagnose an den Arbeitgeber = verboten.
- Pensionskasse: Erhebung von Gesundheitsdaten im obligatorischen Bereich verboten; im überobligatorischen Bereich erlaubt -> Pflicht des/der Arbeitnehmer/in zur wahrheitsgemässen Beantwortung. Konsequenz: maximal fünfjähriger Versicherungsvorbehalt für die deklarierte Krankheit im überobligatorischen Bereich.
- Kollektive Taggeldversicherung: Oft keine Erfassung von Gesundheitsdaten. Diese aber zulässig, wenn reine Privatversicherung -> Pflicht des/der Arbeitnehmer/in zur wahrheitsgetreuen Beantwortung. Konsequenz: Ausschluss aus der Versicherung.
- Ausgefüllter Gesundheitsfragebogen: nicht dem Arbeitgeber abgeben, sondern direkt an Pensionskasse/Versicherung schicken. Formular kann auch falsch ausgefüllt dem Arbeitgeber abgegeben werden -> gleichzeitig eingeschrieben eine Berichtigung an die Pensionskasse/Versicherung schicken.

Weitere Tipps und Infos

- www.workpositive.ch
- Broschüre  „Job und HIV"
- Broschüre  „Datenschutz - Schutz der Privatsphäre"

*Vollständiger Name der Redaktion bekannt. Interview: Brigitta Javurek, Kastentext: Dr. iur. Caroline Suter Bild: photocase.com

 

Das gemanagte Virus

«Zum Virus» ist ein schönes Buch zu HIV in der Schweiz. Vielleicht ein zu schönes. Eine Buchkritik.

Ist es bereits Zeit für eine Zwischenbilanz? Seit man HIV und Aids medizinisch immer besser in den Griff bekommt, ist eine völlige Neuinterpretation der Krankheit im Gange: Während früher Verzweiflung und Aussichtslosigkeit die Krankheit zu einem Ausnahmezustand erklärten, dominieren heute die Geschichten der Bewältigung der Virusinfektion und des Erfolgs gegen deren Ausbreitung. So auch in der Anthologie Zum Virus, einem anschaulichen Buch zu HIV in der Schweiz.

Zum Virus will möglichst viele Facetten der neuen Realität von HIV in der Schweiz abdecken und beginnt mit dem Rückblick auf die Geschichte der Krankheit und die Bemühungen der Prävention. Darauf bauen die nachfolgenden Kapitel auf: Wir erfahren die Lebensgeschichte von zwei Betroffenen, dem 37-jährigen, ehemaligen Drogenabhängigen Tom und der seit Geburt positiven, 18-jährigen Julia. Die Probleme rund um die HIV-Therapie schildern uns der in der Aids-Forschung führende Genfer Universitätsprofessor Bernhard Hirschel und der Einblick in die Medikamentenlaufbahn des Betroffenen und Aktivisten David H. Zu den Themen Diskriminierung und Strafrecht kommen die Aids-Hilfe Schweiz und der Strafrechtprofessor Marcel A. Niggli zu Wort. Dazwischen stossen wir auf doppelseitige, farbige Tableaus, wo Menschen ihre ganz persönlichen Erlebnisse rund um den HIV-Test schildern. Geschichten übrigens, in denen sich der/die eine oder andere durchaus wiederfindet.

Zum Virus ist solide recherchiert, der Stil orientiert sich am gehobenen Journalismus und ist sowohl informierend als auch unterhaltsam. Insgesamt ist die Arbeit der AutorInnen Sabine Windlin und Michael Felber genauso gelungen wie diejenige der Fotografin und der Gestalter - ein schönes Buch.

Vielleicht ein etwas zu schönes. Auch wenn das Buch über die Schwierigkeiten der Krankheit, über das Unvorhersehbare und Widersprüchliche nicht gänzlich hinweggeht, überwiegt der optimistische und schon fast routinierte Ton. HIV ist im Alltag angekommen und gesellt sich, etwas zugespitzt formuliert, zu Problemen, wie Arbeitslosigkeit, Lernschwäche oder Übergewicht. Es ist ein Leiden unter vielen geworden und damit zu einem gewissen Grad auch austauschbar. Unterdessen kümmern sich um HIV viele Fachleute, wie es der 1999 an Aids verstorbene, deutsche Exzentriker Napoleon Seyfarth schon früh erkannt hat. «Es gibt mehr Menschen, die von Aids leben, als solche, die daran erkrankt sind», erklärte er vor etwa 15 Jahren.

Zum Virus ist dementsprechend nicht nur ein Buch über HIV, sondern auch eines über die Aneignung der Krankheit durch professionelle Helfer. Die Krankheit wird heute zunehmend gemanagt. Vielleicht ist dies der Preis, den man für die zahlreichen Erfolge zahlen muss. Allerdings hätte man diesen Aspekt etwas genauer, etwas kritischer durchleuchten können - gerade in einem Buch, das eine im HIV-Bereich tätigen Pharmafirma herausgibt.

"Zum Virus. HIV in der Schweiz: Fakten, Facetten und Geschichten". Michael Felber, Sabine Windlin. Rex Verlag Luzern. Fr. 24.80.- (auch auf Französisch erhältlich, in Buchhandlungen oder unter: www.rex-buch.ch).

Text: Jen Haas

 

Gesundheit / Medizin

Frische HIV-Diagnose: was tun?

Noch immer wirkt eine HIV-Diagnose wie ein Hammerschlag. Nichts scheint mehr, wie es vorher war. Ein Betroffener gibt Rat.

Die HIV-Diagnose ist für die meisten Betroffenen eines der wichtigsten Ereignisse im Leben. Die einen "wussten" es vielleicht im Stillen und haben jetzt die Bestätigung, andere hatten Risikokontakte und Symptome einer Primoinfektion, wieder andere waren ganz ahnungslos - so unterschiedlich wie die Ausgangslage ist auch die individuelle Reaktion. Voraussehbar ist wenig. Als selbst Betroffener bin ich oft mit Freunden oder Bekannten konfrontiert, die mit einer frischen Diagnose kämpfen. Wenn man diese Auseinandersetzung hinter sich hat, ist man eher in der Lage, ein paar hilfreiche Tipps zu geben.

Viele schämen sich, ärgern sich, weil man ja gewusst hätte wie man sich schützt. Andere sehen den Tod vor Augen, werden von Angst überwältigt, fühlen sich allein auf dieser Welt. Gestern war die Welt schön, heiter und voll Zuversicht - heute ist bloss Verzweiflung und ein grosses, dunkles Loch, nichts scheint mehr wie es war.

Auch wenn es im Moment schwierig scheint: erstens geht das Leben weiter, und zweitens kann man einiges tun gegen dunkle Gedanken und Gefühle - und für sich selbst. Du bist nicht alleine - in der Schweiz leben mehr als 20'000 Menschen mit einer HIV-Infektion, und alle mussten sich dieser Auseinandersetzung stellen. Wer die Diagnose in einem HIV-Testzentrum bekommen hat, hat vielleicht hier die Gelegenheit bereits beim Schopf gepackt und sich mit dem Berater über die drängendsten Fragen ausgesprochen. Zuhause angekommen ist man trotzdem alleine mit dem Befund, sucht Halt und hat bereits tausend neue Fragen.

Die Falle Selbststigmatisierung
Es hilft vielleicht auch, mal über Selbststigmatisierung nachzudenken. In dieser Falle bleiben viele von uns stecken. Es bringt nichts, sich selber zu beschuldigen, sich sozial zu isolieren oder mit niemandem über die Diagnose zu reden. Solche Reaktionen sind selbstzerstörerisch. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du Dich selber stigmatisierst, rede mit jemandem. Eine Beratung bei der Aids-Hilfe, beim Checkpoint kann helfen. Erfahrene HIV-positive Menschen haben meist gelernt, damit umzugehen - auch sie können dir weiterhelfen.

Beobachte Dich aufmerksam in den ersten Wochen nach der Diagnose. Wenn Dir die Lebensfreude abhanden kommt, Du keine Entscheidungen mehr fällen kannst, die Lust an der Arbeit, Deinen Hobbies verlierst, dann brauchst Du vielleicht psychologische Unterstützung. Schäme Dich nicht, die Hilfe zu suchen, die Du brauchst.

Mit wem reden, mit wem nicht?
Sehr wichtig in den ersten Wochen nach dem Befund sind gute Ansprechpartner. Gute Freunde, denen man wirklich vertrauen kann, ein starker Partner, der Geborgenheit schenkt, oder ein von der regionalen Aids-Hilfe vermittelter ausgebildeter HIV-positiver Coach. Der Zürcher Checkpoint hat ein ausgezeichnetes Angebot, andere Aids-Hilfen ebenfalls - nachfragen lohnt sich und kostet nichts.

Wer positive Freunde oder Freundinnen hat, darf dort andocken und das Gespräch suchen. Ein bisschen Vorsicht ist geboten - man kann die besten Freunde überfordern, wenn man hunderttausend Fragen hat. Darum ab und zu nachfragen, und wenn nötig via Aids-Hilfe zusätzlich Rat holen. Überlege Dir aber gut, mit wem Du über Deine Diagnose reden willst. Der Austausch mit erfahrenen Patienten ist auch in dieser Hinsicht sehr wertvoll. Den Coiffeur, Deine Nachbarin, Dein Arbeitgeber geht Deine Diagnose meiner Meinung nach nichts an. Auch bei den Eltern ist manchmal Vorsicht angebracht - viele Deiner Mitmenschen sind mit Deiner Diagnose noch mehr überfordert als Du selber.

Diese erste Orientierungshilfe ist wichtig für Dich. Die Fortschritte in der HIV-Therapie und Forschung sind enorm. Möglicherweise hast Du völlig falsche Vorstellungen, was Leben mit HIV heute bedeutet. Wenn Du Dich mit der positiven Diagnose einfach verkriechst, dann bringt Dich dies sicher keinen Schritt vorwärts.

Habe ich den richtigen Arzt?
Als nächstes solltest Du Dir überlegen, ob Du für Deine Diagnose den richtigen Arzt hast, oder erst einen suchen musst. Theoretisch reicht dafür der Hausarzt. Die lebenslange HIV-Therapie ist aber derart komplex geworden, dass man sich das schon gut überlegen muss. Wenn Dein Hausarzt nicht mindestens 30-40 HIV-Patienten versorgt, dann fehlen ihm sehr wahrscheinlich die Zeit und Erfahrung, um eine langfristig optimale Betreuung sicherzustellen. Die Adressen der grösseren Schweizer Behandlungszentren findest Du hier.

In städtischem Umfeld sind auch einige HIV-Spezialisten mit freier Praxis tätig. Viele Patienten fühlen sich dort am besten aufgehoben. Adressen kann man bei der regionalen Aids-Hilfe erfragen. Wer auf dem Land wohnt, kann sich in den meisten Fällen trotzdem in einem grösseren Zentrum oder bei einem Spezialisten behandeln lassen. Es lohnt sich, den Weg in Kauf zu nehmen. In der Regel ist ein Arztbesuch ja nur alle drei Monate nötig. Auf den ersten Arztbesuch nach der Diagnose werden wir im nächsten Newsletter näher eingehen.

Brauche ich sofort eine Therapie?
Je nachdem, wie fortgeschritten Deine Infektion beim Zeitpunkt der Diagnose ist, brauchst Du entweder sofort eine Therapie, oder Du kannst noch zuwarten. Es ist sehr wichtig, diese Frage mit dem behandelnden Arzt rasch abzuklären. Deshalb ist auch das rasche Überprüfen Deiner ärztlichen Versorgung wichtig für Dich. Die neusten Zahlen der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie zeigen, dass die Schweizer Patienten ihre Therapie mit durchschnittlich weniger als 300 CD4-Zellen beginnen (die Kohortenstudie verfolgt die meisten HIV-Patienten der Schweiz langfristig). Bei Heterosexuellen und injizierenden Drogenkonsumenten ist dieser Durchschnitt nah bei 200 CD4. Das heisst, dass die meisten Patienten zu spät mit der Therapie beginnen. Entweder testen die Leute zu wenig oder zu spät, oder sie zögern zu lange mit dem Therapiestart.

Es ist für Betroffene wichtig zu verstehen, dass das Immunsystem ab Zeitpunkt der Infektion stark unter Druck gerät, weil es Abwehrkräfte gegen das Virus mobilisiert. Diesem Druck kann das Immunsystem eine Zeitlang standhalten (diese Zeitspanne variiert stark, jeder Mensch, jedes Immunsystem ist anders). Wenn die CD4-Helferzellen unter 500 sinken, redet man bereits von einem leicht geschwächten Immunsystem, ab 350 CD4 soll man gemäss gegenwärtigen Richtlinien mit der Therapie starten. Bei positiver Diagnose ist es wichtig, dass die erste Arztvisite rasch nach dem Befund stattfindet, damit die nötigen Abklärungen gemacht werden können. Zu lange abwarten führt zu schlechteren Behandlungsergebnissen, ist also nicht gut für Dich.

HIV und die Sache mit dem Sex
Für viele HIV-Infizierte wird die Sexualität ein schwieriges Thema. Man hat Angst, neue Leute kennenzulernen, man fürchtet sich, das Thema HIV überhaupt anzusprechen. Die meisten Betroffenen brauchen recht lange, um wieder zu einer unbeschwerten Sexualität zurückzufinden. Wenn man frisch infiziert ist, ist die sogenannte Viruslast sehr hoch, und damit auch die Ansteckungsgefahr. Konsequenter Kondomgebrauch ist also sehr wichtig. Wenn man unter Therapie ist und eine feste Beziehung hat, kann man unter bestimmten Umständen auf das Kondom verzichten. Die eidgenössische Kommission für Aidsfragen EKAF hat zu diesem Thema im Jahr 2008 Stellung bezogen. Ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt, oder mit einem Berater, einer Beraterin von der Aids-Hilfe ist auch hier sehr empfehlenswert.

Wo kann ich Infos abholen?
Nutze diese Zeit auch, um Dich besser zu informieren. Konsultiere die Webseite der Aids-Hilfe Schweiz für HIV-Positive. Du findest hier nützliche Informationen online, zum runterladen, Broschüren zum bestellen, wichtige Links zu anderen Organisationen und Informationsquellen, auch wichtige medizinische Infos. Wer Englisch spricht, findet auf Aidsmap eine ausgezeichnete und umfassende Informationsquelle. Wenn Du beruflich oder privat häufig reist oder längere Auslandaufenthalte planst, machst Du Dich am besten auf hivrestrictions.org ein wenig schlau über mögliche Beschränkungen.

Text: David Haerry, david@eatg.org, durchgelesen von Romy Mathys. Bild: Fotolia.de

 

Aus unserem Leben

„Man fängt nie bei Null an. Man beginnt mittendrin“

Gleich zwei prominente Franzosen - der Sänger Mano Solo und der Philosoph Daniel Bensaïd - sind im Januar an den Folgen ihrer HIV-Infektion gestorben. Beide waren Vertreter einer linken Bohème, wie es sie (leider) immer weniger gibt: engagiert, radikal, ungezähmt.

Mano Solo, mit bürgerlichem Namen Emmanuel Cabut, war Chansonnier. Er besang mit Vorliebe den Alltag. Und der war "pas du gateau", wie eines seiner Lieder heisst, kein Zuckerschlecken. Oft sang er auch über seine HIV-Infektion. Nebenbei war er Maler, Verleger und seit 2006 auch Produzent und Vertreiber seiner CDs. Mano Solo ist im Alter von 46 Jahren gestorben.

Daniel Bensaïd, geboren 1946, war Professor der Philosophie, marxistischer Philosoph, trotzkistischer Politiker und hatte in den 60er-Jahren die französische Studentenbewegung mit angeführt. Bis zuletzt schrieb er gegen den Kapitalismus und die bürgerliche Ordnung an, träumte von einer gerechteren Welt. Das tat er aber nicht naiv, er wusste, dass sich die Welt nicht neu erfinden lässt, dass die Geschichte immer mitschwingt: "Kein reiner Tisch, keine Jungfräulichkeit. Man fängt nie bei Null an. Man beginnt mittendrin." Und mittendrin, mitten im Leben, hat er uns nun verlassen.

Mano Solo
- "Seine Musik läuft nicht im Radio, seine Clips werden nicht im Fernsehen gezeigt (...). Trotzdem platzen die Konzertsäle in Frankreich aus allen Nähten" Lesen weiter auf CD-Kritik.de
- seine CD bestellen oder Downloaden

Daniel Bensaïd
- sein Lebenslauf auf Wikipedia
- Sein Buch "Was ist Trotzkismus?" bestellen

 

Wow!

HIV-Diagnosen auf dem tiefsten Stand seit 2001

2009 ist die Zahl der neuen HIV-Diagnosen in der Schweiz unter 600 gesunken. Das ist knapp ein Viertel weniger als im Vorjahr und so tief wie vor fast 10 Jahren. Zwar erfreulich, aber noch lange kein Grund, mit der Prävention aufzuhören. 

Der Rückgang ist am ausgeprägtesten bei Männern, die Sex mit Männern haben. Aber auch bei anderen Gruppen ist die Anzahl der Neudiagnosen gesunken. Ob sich dieser Trend längerfristig fortschreibt, muss sich allerdings erst noch zeigen. „Es gibt nicht einen einzelnen Grund, warum die Zahlen gesunken sind" sagt Lukas Meyer von der Aids-Hilfe Schweiz, „der Rückgang muss die Folge verschiedenster Faktoren sein, da er alle Gruppen betrifft".

Trotzdem noch kein Grund zum Jubeln: Die Anzahl Neudiagnosen ist im Vergleich mit Nachbarländern nach wie vor hoch, die Prävention muss also weitergehen. „Es wäre ein schwerer Fehler, diesen Rückgang zum Anlass zu nehmen, die Mittel und Anstrengungen in der Prävention zurückzufahren", so Lukas Meyer.

Bild: fotolia.de

 

Gesucht

Eben erst die Diagnose erhalten und… ferienreif?

Dann komm zum Queer+ Workshop-Wochende für HIV-neudiagnostizierte schwule Männer. Vom 15. bis 18. April im Wellness-Hotel Stoos.

Du bist schwul und hast vor Kurzem erfahren, dass du HIV-positiv bist. Du stellt dir Fragen wie: Wem soll ich von meiner Infektion erzählen? Wie läuft das mit der Therapie? Wie soll es mit meinem Sexleben weitergehen. Um das zu klären, bieten wir dir ein Gratiswochende im Wellness-Hotel Stoos an. Hier kannst du dich mit anderen HIV-positiven schwulen Männern austauschen. Du bestimmst, welche Fragen du angehen möchtest. Die Workshops werden von Fachleuten geleitet, die auch schwul und zum Teil HIV-positiv sind. Nebenbei kannst du natürlich die Wellness-Angebote des Hotels nutzen. Du hast einen Partner? Nimm ihn mit. Er ist auch eingeladen.
Datum: Donnerstag 15. April 2010 (19h) bis Sonntag 18. April 2010 (13h). Kursort: Seminar- und Wellnesshotel Stoss SZ. Weitere Infos und Anmeldung unter 044 455 59 10 / checkpoint-zh@zah.ch / www.checkpoint-zh.ch.

 

Dienstleistungen

Nicht verzagen, Sozialberatung fragen

Brauchen Sie Orientierung im Dickicht der Renten, Steuern und Sozialversicherungen? Möchten Sie Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen? Dafür gibt es jetzt die „offene Sozialberatung", jeweils Donnerstags von 13:30 bis 16:00 Uhr. Ort: Begegnungszentrum, Universitätstr. 46, 8006 Zürich, Tram 9 und 10, Haltestelle Haldenbach. Lageplan.

Bild: Fotolia.de

 

Termine

Welt-Aids-Kongress 2010
18. – 23. Juli 2010, Wien

Positive Begegnungen 2010
26. bis 29. August 2010, Bielefeld

 

Treffs

Aarau

Selbsthilfegruppe HI-Vlyer
Wir treffen uns jeden zweiten Dienstag ab 19.00 Uhr im Jugendhaus Flösserplatz in Aarau, 3. Stock. Lageplan. www.hi-vlyer.ch / admin@hi-vlyer.ch.

Basel

Happy Hour
1x im Monat, 18.00 - 20.00 Uhr, Aids-Hilfe beider Basel, Clarastrasse 4, 4058 Basel (Lageplan), ohne Voranmeldung (ausser bei den Nachtessen). Sich treffen zum Apéro, plaudern, Infos austauschen, neue Leute kennen lernen und danach zu zweit oder zahlreicher zusammen weiterziehen zum Nachtessen, ins Kino. Happy Hour ist ein Treffpunkt für Menschen mit HIV/Aids, ihre Angehörige und Freunde. Pro Halbjahr wird ein- bis zweimal gekocht. Kontakt: cschuler@ahbb.ch / 061 685 25 00.

Frauengruppe
Die Frauengruppe trifft sich in unregelmässigen Abständen auf der Aids-Hilfe beider Basel, Clarastrasse 4, 4058 Basel (Lageplan). Kontakt: cschuler@ahbb.ch / 061 685 25 00.

Bern

Treffen für HIV-positive Menschen und Nahestehende
Jeden Monat findet in den Büroräumen der Aids-Hilfe Bern, Monbijoustrasse 32, 3011 Bern (Lageplan)  jeweils von 19.30 - 21.30 Uhr, ein Treffen ausschliesslich für HIV-Positive und Nahestehende statt. Der Treff benötigt keine Anmeldung und ist selbstverständlich kostenlos. Wir freuen uns auf zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer! Für Fragen steht Ihnen Thomas Bögli gerne zur Verfügung:  thomas.boegli@ahbe.ch / 031 390 36 36 / www.aids-be.ch.

Graubünden

Individuelle Vernetzung von Menschen mit HIV
Es finden keine regelmässigen Treffen statt. Die Aids-Hilfe Graubünden vernetzt auf Anfrage Menschen mit HIV oder Angehörige persönlich miteinander.

Luzern

Dienstags-Treff
Der Dienstags-Treff für Betroffene und Angehörige/Freunde findet jeweils am ersten Dienstag im Monat statt, 18.00 - 20.00 Uhr, in den Räumlichkeiten der Aids-Hilfe Luzern (Lageplan). www.aids-lu.ch.  

St. Gallen

HIV aktiv leben
HIV aktiv leben ist ein Angebot der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen www.aids-sg.ch. Eingeladen sind Betroffene jeglichen Alters mit Wohnsitz in den Kantonen St.Gallen, Appenzell Ausser- oder Innerrhoden. Anmelden kann man sich unter hivaktivleben@yahoo.de. 071/534 31 27.

Thurgau

Grössere Treffen
Grössere Treffen finden ca. 4 Mal pro Jahr statt, z.B. ein Zoobesuch mit Führung und Abendessen, ein grosses Sommer-Grillfest. Für die Daten 2010 wenden Sie sich bitte an: info@aidshilfe.ch. Fachstelle Aids und Sexualpädagogik TG / www.aids-tg.ch.

Zug

PosiTreff Zug
HIV-positive Menschen treffen sich 1-2mal pro Jahr. Auf Wunsch wird zu bestimmten Themen vertieft informiert. Im Anschluss gemütliches Beisammensein beim Apéro oder gemeinsamen Nachtessen. Kontakt: aidsinfo@zugernet.ch.

Zürich

Treff+
Der Treff+ bietet Menschen mit HIV/Aids die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Du bist eingeladen, bei einem einfachen Abendessen mit anderen ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen auszutauschen und Bekanntschaften zu pflegen. Unser Treffleiter Bruno Meury ist für allfällige Fragen und Anregungen offen. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Der Unkostenbeitrag pro Nachtessen beträgt CHF 5.-. Öffnungszeiten 19.00 - 23.00 Uhr. Begegnungszentrum, Universitätsstrasse 42 - 46, 8006 Zürich (Lageplan), Tram 9 oder 10 bis Station Haldenbach. www.zah.ch / mail@zah.ch / 044 455 59 00.

Mittagstisch - Aidspfarramt
Wir treffen uns 14-täglich um 12.00 Uhr zum gemeinsamen Mittagessen. Der Mittagstreff findet jeden zweiten Dienstag im Begegnungszentrum des Aidspfarramtes statt. Nächstes Treffen: 8. Dezember. Ort: Begegnungszentrum (Lageplan), Universitätstr. 46, 8006 Zürich, Tram 9 und 10, Haltestelle Haldenbach.

Come-In Aidspfarramt
Donnerstags, 13:30-16:00 Uhr. Ort: Begegnungszentrum, Universitätstr. 46, 8006 Zürich, Tram 9 und 10, Haltestelle Haldenbach. Wir laden ein in entspannter Atmosphäre Kaffee zu trinken, zu plaudern, Gesellschaftsspeiel zu machen. Es besteht die Möglichkeit, zeitgleich die „offene Sozialberatung" zu besuchen.

 

 

Mit finanzieller Unterstützung von:

       
Abbott Boehringer Gilead ViiV
       
Bristol-Meyers Squibb MSD tibotec